Geldwäsche-System:Datenleak enthüllt Geld-Pipeline in den Westen

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THEMA: Steuerberater aus Pfaffenhofen wäscht Millionen für die Russen. Text von Bastian Obermayer.

Illustration: Stefan Dimitrov

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Ein neues Datenleak enthüllt ein System, das Geld aus Russland in den Westen gepumpt hat. Politiker, Geschäftsleute und Kriminelle konnten dadurch Geld waschen und Vermögen verstecken. Zu den Profiteuren zählt auch ein guter Freund von Wladimir Putin.

Von Hannes Munzinger, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Paul Radu

Das Geld floss an eine Wohltätigkeitsfirma von Prinz Charles, es ging auf das Firmenkonto eines Jugendfreunds Wladimir Putins, außerdem an eine Firma mit Sitz in Bayern - und es stammte aus undurchsichtigen Quellen. Insgesamt flossen durch ein ausgeklügeltes Geldwäschesystem innerhalb weniger Jahre Milliarden aus Russland in den Westen, knapp 190 Millionen Euro landeten auf deutschen Konten.

Dies geht aus Bankunterlagen hervor, die dem Recherchenetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Projekt (OCCRP) und der litauischen Nachrichtenseite 15min.lt zugespielt wurden. Die Süddeutsche Zeitung hat die Unterlagen zusammen mit 20 weiteren Medienhäusern ausgewertet - darunter der Guardian, der Schweizer Tages-Anzeiger und das österreichische Magazin Profil. Die Ergebnisse werden unter dem Titel "Troika Laundromat" weltweit veröffentlicht. Bei den geleakten Dokumenten handelt es sich um Korrespondenz, Verträge, Rechnungen und Informationen zu mehr als 1,3 Millionen Banküberweisungen. Sie betreffen zu großen Teilen die litauischen Banken Snoras, die 2011 verstaatlicht und Ūkio bankas, die 2013 geschlossen wurde.

Die Dokumente zeigen, wie Milliarden Dollar aus Russland außer Landes gebracht wurden. Ein zweistelliger Millionenbetrag landete etwa auf einem Schweizer Firmenkonto des Cellisten Sergej Roldugin, einem der besten Freunde des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zwei Firmen, die mit Roldugin in Verbindung stehen, schlossen innerhalb weniger Tage 16 Verträge mit anderen Firmen, die dann jeweils widerrufen wurden - gegen Entschädigungszahlungen von 11,6 Millionen Dollar Gebühr. Roldugin hatte schon bei den Enthüllungen der Panama Papers eine tragende Rolle gespielt, als die Süddeutsche Zeitung und ihre Partner aufdeckten, dass Roldugin im Zentrum eines Netzes von Briefkastenfirmen stand, das Hunderte Millionen Dollar verwaltete. Eine aktuelle Anfrage ließ Roldugin unbeantwortet.

Bereits 2014 hatten Reporter des OCCRP erstmals ein Geldwäschesystem aufgedeckt, das sie damals "Russian Laundromat" - zu deutsch "Russischer Waschsalon" - nannten. Dieser Waschsalon hatte in den Jahren 2010 bis 2014 Geld aus mindestens fragwürdigen Quellen in Höhe von etwa 20,7 Milliarden US-Dollar aus Russland in die Europäische Union geschleust. Erst vor wenigen Tagen beschlagnahmte das Bundeskriminalamt in diesem Zusammenhang Immobilien in Nürnberg, Regensburg, Mühldorf am Inn und Schwalbach am Taunus im Wert von 40 Millionen Euro und fror auf mehreren Konten weitere sieben Millionen Euro ein.

Ein nächstes, ähnliches Geldwäschesystem flog im Herbst 2017 auf. Diesmal stammte das Geld aus Aserbaidschan und floss über die estnische Filiale der dänischen Danske Bank in die EU. Und von dort aus auch nach Deutschland. Beispielsweise an eine Firma der Bundestagsabgeordneten Karin Strenz (CDU). Strenz erhielt nach der Enthüllung eine Rüge des Bundestagspräsidiums, der Europarat erteilte ihr Hausverbot.

Nun also der "Troika Laundromat". Das Projekt ist benannt nach der russischen Investmentbank Troika Dialog, die nach Recherchen des internationalen Journalistenteams offenbar maßgeblich in das Geldwäschesystem involviert war. Die Bank wurde im maßgeblichen Zeitraum von dem russisch-armenischen Geschäftsmann Ruben Vardanyan geleitet und 2011 von einer Tochtergesellschaft der Sberbank übernommen. Er wies jegliche Vorwürfe im Interview mit russischen Journalisten zurück: "Wir haben uns stets an die Regeln des Weltfinanzmarkts gehalten, die zur damaligen Zeit galten."

Ein ähnliches System hatte auch Osama bin Laden genutzt

Vereinfacht gesagt funktionierte das System wie eine Waschmaschine: Geld aus legaler aber auch illegaler Herkunft floss in ein Netzwerk von rund 70 Briefkastenfirmen, die von Scheindirektoren geleitet wurden. Es wurde hin und her überwiesen - auch zwischen verschiedenen Konten ein- und derselben Firma. Der Überweisungszweck wurde offenbar oftmals frei erfunden, es finden sich Beispiele wie "Obst und Gemüse", "Baumaterial" oder gar "gefrorener Hering". In zahlreichen Fällen wurden die Waren mutmaßlich nie gehandelt oder gar geliefert.

Dies ist ein gängiger Trick zur Geldwäsche: "Man tarnt eine illegale Zahlung, indem man so tut, als wäre sie mit einer Warensendung verbunden", sagt die Kriminalitätsexpertin Louise Shelley vom Forschungszentrum Terrorism, Transnational Crime and Corruption Center (TraCCC). Al-Qaida-Gründer Osama bin Laden habe ein ähnliches System genutzt, um Geld zu transferieren. Die Briefkastenfirmen funktionierten wie eine Geld-Pipeline von Russland in den Westen, ein Service zugeschnitten auf reiche Russen und deren Geschäfte.

Am Ende wurden mit Geld aus dem Troika Laundromat etwa Immobilien in Großbritannien, Spanien und Montenegro gekauft, dazu Luxusyachten, Jets und Kunst. Auch die Gebühren teurer Privatschulen und Krankenhausaufenthalte wurden beglichen. Sogar eine Wohltätigkeitsorganisation, die von Prinz Charles geleitet wird, erhielt Geld. Es handelte sich offenbar um Spenden von Ruben Vardanyan. "Die Wohltätigkeitsorganisationen des Prince of Wales agieren bezüglicher sämtlicher Fundraising-Entscheidung unabhängig vom Prinzen selbst", teilte das Büro des Thronfolgers dem Guardian mit.

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des OCCRP floss auch Geld von bekannten Kriminalfällen an Firmen der Geldwaschmaschine. Rund 80 Millionen Dollar stammten demnach aus jenem Betrug, den der später unter mysteriösen Umständen gestorbene Anwalt Sergej Magnitski aufgedeckt hatte. Auch Firmen, die in einen Millionenbetrug am Moskauer Flughafen Scheremetjewo verwickelt sein sollen, zahlten Geld an Unternehmen des Laundromats. Eine der Firmen, auf welche die Beute verteilt wurde, war laut Gerichtsdokumenten die Firma "Meister Developers" mit Sitz auf der Karibikinsel St. Lucia. Zwar wird die Firma in den Dokumenten, vermutlich wegen eines Tippfehlers, fälschlich "Meister Developes" genannt, also ohne das "r" am Ende. Eine Firma mit diesem Namen findet sich jedoch in keinem zugänglichen Firmenregister.

Von einem Konto der Meister Developers flossen wiederum mehr als 29 Millionen Dollar auf Konten der Firma eines Steuerberaters aus dem Raum München - angeblich als Bezahlung, beispielsweise für Tausende Drucker sowie Tonerpackungen. Der Steuerberater erklärte in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, die Konten und die Firma nur als Treuhänder für einen russischen Papierhändler verwaltet zu haben. Dieser erklärte, mit Meister Developers keine Geschäfte gemacht zu haben. Beide sagten, dass weder sie noch ihre Firma jemals mit Druckern oder Toner gehandelt hätten. Der Treuhänder erklärte, seine Unterschrift sei gefälscht worden.

Auch von Konten der Deutschen Bank waren Überweisungen im hohen einstelligen Millionenbereich an die Karibikfirma geflossen. Insgesamt gingen zwischen spätestens 2003 und mindestens April 2017 Überweisungen in Höhe von mehr als 889 Millionen US-Dollar von Konten der Deutschen Bank an Konten des Troika Laundromat. Ohne auf die konkreten Überweisungen einzugehen, erklärte ein Sprecher der Bank, man arbeite "stets mit Behörden und Regulatoren weltweit kooperativ zusammen".

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