Lateinamerika:"Jetzt müssen die Jüngeren übernehmen"

Wo zum Beispiel?

Nehmen Sie Brasilien. Dort ist die Sache sehr kompliziert. Ich glaube, dass man die brasilianische Verfassung verändern müsste, weil sie Korruption begünstigt. Im Parlament sitzen mehr als 30 Parteien und mehr als 500 Abgeordnete. Um Politik zu machen, muss man ständig mit sehr vielen Leuten verhandeln. Wenn du ein Gesetz durchbringen willst, sagen sie: "Okay, ich gebe dir meine Stimme, aber dafür musst du mir bei einem Brückenbauprojekt helfen." Das ist eher eine Börse als ein Parlament. Es fördert die Korruption. Das Ironische ist, dass die Präsidentin Dilma Roussef selbst ja wahrscheinlich gar nicht korrupt war, sondern vor allem die Politiker ihres Koalitionspartners, die sie dann gestürzt haben. Das System im Parlament hat das begünstigt.

Und in Venezuela? Sie haben zuletzt gesagt, der venezolanische Präsident Nicolas Maduro sei "verrückt wie eine Ziege".

Ja, er ist noch immer eine verrückte Ziege. Ich respektiere ihn, aber er ist zu impulsiv. Was Maduro gesagt hat, stimmt einfach nicht. Er hat behauptet, Luis Almagro (der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, der zuletzt Partei für die venezolanische Opposition ergriff, Anm. d. Red.) sei ein Agent der CIA. Ich bin auch kein großer Fürsprecher Almagros. Aber ein Agent ist er sicher nicht. Maduro würde gut daran tun, sich nicht ständig in die Weltpolitik einzumischen. Mit seinem Gerede von der US-Verschwörung schürt er nur die Paranoia innerhalb Venezuelas.

Was sollte er stattdessen tun?

Über kurz oder lang werden die Regierung und die Opposition nicht darum herumkommen, zu verhandeln und sich zu einigen. Außerdem sollte sich die Regierung um ihre wirtschaftlichen Probleme kümmern. Venezuela braucht weniger Richter und mehr Maurer. Das Land hat fantastische Ressourcen, vor allem Erdöl, aber es gibt kaum Bauern. Die Venezolaner haben sich daran gewöhnt, Lebensmittel zu importieren - und zwar fast nur hochwertige Produkte. Pasta aus Italien, feines Toilettenpapier, Whisky. Obwohl sie selbst einen fantastischen Rum machen können. Aber die Venezolaner wollten Whisky. Diese Entwicklung begann vor 60, 70 Jahren. Es ist keine leichte Aufgabe, das zu verändern. Aber man müsste es angehen. Denn man sieht ja gerade: Wenn der Ölpreis niedrig ist, funktioniert das System nicht.

Die Zustände in Venezuela sind chaotisch, die Suspendierung von Dilma Rousseff in Brasilien aus demokratischer Sicht mindestens zweifelhaft. Halten Sie es für möglich, dass die Diktaturen in Lateinamerika zurückkehren?

Nein, das glaube ich nicht. Es mag den einen oder anderen Rückfall geben, aber kein diktatorisches Zeitalter mehr wie in den 1960er bis 1980er Jahren.

Warum nicht?

Weil sie nur stören würden. Die Diktaturen wurden früher oft von Wirtschaftsinteressen gestützt. Heute aber braucht sie die Wirtschaft nicht mehr. Für sie sind die heutigen Demokratien viel sinnvoller, denn in ihnen haben Unternehmer und Lobbyisten viel Einfluss. Aber das heißt nicht, dass es in Lateinamerika keine Probleme mehr geben wird. Im Gegenteil, es wird etliche geben.

Welche?

Es gibt zu wenige Jobs. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wächst weiter und weiter, die Politik tut zu wenig dagegen. Die demokratischen Systeme kranken daran, dass die Lobbyisten zu viel Einfluss haben. Viel zu oft profitieren sie von den Entscheidungen der Politik. Man muss es schaffen, das zu ändern, ohne die Demokratie gleich ganz abzuschaffen. Dafür brauchen wir eine neue linke Bewegung, eine mit Ideen für die Zeit, die da kommt. Die Idee der Umverteilung wird aktuell bleiben, aber vieles andere wird sich verändern. Meine Generation hat sich sehr auf die Fabrikarbeiter konzentriert. Jetzt aber arbeiten immer mehr Menschen im Dienstleistungssektor. Das ist nur ein Beispiel. Außerdem braucht es neue Ideen für die digitale Welt und wie man in ihr Demokratie leben kann.

Heißt das, die Zeit Ihrer Generation, die der linken Ex-Guerilleros, die in die Politik geht, ist abgelaufen?

Ja, und ich glaube, dass das gut ist. Ich spüre, dass da eine neue Zeit kommt, aber das ich nicht mehr richtig zu ihr gehöre. Ich bin schon ein alter Mann. Jetzt müssen die Jüngeren übernehmen.

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