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Lateinamerika:Generalstreik gegen die Macho-Gesellschaft

Argentina march against the sexist violence

Frauen protestieren in Buenos Aires gegen Sexismus. In Lateinamerika dominieren Männer fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

(Foto: dpa)

Die patriarchalische Kultur der Kolonialherren lebt weiter, doch die Frauen wollen sich das nicht mehr bieten lassen - und legen die argentinische Hauptstadt für eine Stunde lahm.

Was würde wohl passieren, wenn die Frauen einfach nicht mehr mitmachten? Wenn sie nicht mehr zur Arbeit kämen, nicht mehr in Schulen unterrichteten, ihren Dienst in den Behörden, den Gerichten, den Medienhäusern und im öffentlichen Nahverkehr niederlegten? Wenn die Männer plötzlich alles alleine organisieren müssten? In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires konnte man sich davon am Mittwoch zumindest ein kleines Bild machen. Da traten Tausende Frauen zwischen 13 und 14 Uhr in einen Streik - gegen die Machogesellschaft. Ihr Motto lautete: "Wenn unser Leben nichts zählt, dann produziert doch ohne uns!"

In der U-Bahn von Buenos Aires wurden die Fahrgäste um die Mittagszeit darüber informiert, dass der Fahrbetrieb notdürftig von Männern aufrechterhalten werde. In den Nachrichten sprachen Journalisten, wo sonst Journalistinnen moderieren. Zehntausende Demonstrantinnen versammelten sich derweil bei strömendem Regen im Zentrum der Stadt. Auf ihren Plakaten stand: "Wenn ihr eine von uns anfasst, werden wir alle reagieren" oder "Machismus tötet". Auch Aktivistinnen in Mexiko, Chile, Paraguay und Uruguay beteiligten sich an der Aktion. Ähnliche Proteste hatte es zuvor in Peru und Brasilien gegeben.

Die patriarchalische Kultur der Kolonialherren hat bis ins 21. Jahrhundert überlebt

Über kaum eine Region der Welt kursieren so viele dümmliche Klischees wie über Lateinamerika. Die bittere Wahrheit aber ist: Den klassischen Latino-Macho gibt es tatsächlich noch. Als Erbe der patriarchalischen Kulturen der spanischen und portugiesischen Kolonialherren hat er bis ins 21. Jahrhundert überlebt. Er dominiert die Politik, die Wirtschaft, die Popkultur, den Sport, das alltägliche Leben. Im erzkonservativen katholischen Klerus hat er einen treuen Verbündeten, aber auch in Kreisen der rapide wachsenden evangelikalen Kirchen.

In Rio de Janeiro wird übernächstes Wochenende allen Umfragen zufolge ein ehemaliger evangelikaler Bischof zum Bürgermeister gewählt, der vor wenigen Jahren ein Buch herausgab, in dem stand: "Die Frau hat sich dem Mann unterzuordnen." Jetzt aber lehnen sich die Lateinamerikanerinnen gegen ihre Machos auf, gegen die Geschlechter-Diskriminierung, aber auch gegen die schier unfassbare Anzahl an Vergewaltigungen und Frauenmorden.

In Perus Hauptstadt Lima gingen im August mehr als 50 000 Menschen auf die Straße, nachdem eine sechsfache Mutter von ihrem Mann mit einem Ziegelstein erschlagen worden war - offenbar weil im Essen zu viel Knoblauch war. In Argentinien stirbt laut amtlichen Statistiken alle 36 Stunden eine Frau durch häusliche Gewalt. In Brasilien verzeichnet die Polizei alle elf Minuten einen sexuellen Übergriff gegen Frauen.

Eine Frauen-Partei stellt zwei Abgeordnete - zwei Männer

Nachdem im Frühjahr in Rio etwa 30 Männer eine Minderjährige vergewaltigt hatten und Handyvideos vom Tatort triumphierend ins Netz gestellt hatten, entwickelte sich dort erstmals so etwas wie eine breite gesellschaftliche Debatte. Das war einerseits ein Fortschritt, andererseits auch ein beklemmendes Lehrstück darüber, wie in diesen Fällen Opfer zu Tätern gemacht werden. Nicht wenige hochrangige Politiker vertraten die weit verbreitete Auffassung, dass eine Frau im Minirock selbst schuld sei, wenn sie belästigt werde.

Auch gegen solche perfiden Umdeutungen wehrt sich die Bewegung "Ni una menos" (Nicht eine weniger), die vergangenes Jahr in Argentinien gegründet wurde und nun zum Streik aufrief. Die meisten Demonstrantinnen trugen schwarze Kleider. Eine der Organisatorinnen teilte mit: "Wir trauern heute um alle, die nur deshalb ermordet wurden, weil sie Frauen sind." Aktueller Anlass war der Fall einer Argentinierin, 16, die vergangene Woche von mehreren Männern vergewaltigt worden war und an einer Überdosis Kokain starb.

Wie so oft verstören in Lateinamerika auch bei diesem Thema die Widersprüche. In vielen Ländern der Region gibt es schon seit den Neunzigerjahren recht fortschrittliche Gesetze, etwa zur Quotenregelung in der Politik. Der Frauenanteil in den Parlamenten Lateinamerikas ist im Schnitt höher als in Europa. Das sagt bloß wenig über die Machtverhältnisse aus. Brasilien wird seit der Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff von einem rein männlichen Kabinett regiert. Vor einem Jahr hat sich dort die Partei der brasilianischen Frau (PMB) gegründet. Sie stellt derzeit zwei Abgeordnete. Zwei Männer.

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