bedeckt München
vgwortpixel

Machtkampf um die CDU-Spitze:Zauderer Laschet unter Zeitdruck

Armin Laschet beim Valentinstreffen der CDU Kelkheim

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nimmt nach seiner Rede beim Valentinstreffen der CDU Kelkheim den Applaus in der Stadthalle entgegen.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Nach dem Rückzug Kramp-Karrenbauers sah es so aus, als sei der NRW-Ministerpräsident der Favorit für den CDU-Vorsitz. Doch viele Parteifreunde halten ihn für zu nett - und er selbst kommt nicht aus der Deckung.

Das Volk ruft nach ihm. Ja, es schreit sogar. "Armin!", rufen seine Fans vom Parkett des Aachener Festsaals, "Armin, du musst es machen!" Der Mann, der auf der Bühne diese Stimmung angezettelt hat, lächelt zufrieden. Dies ist der ganz und gar geplante Höhepunkt von Armin Laschets handgeschriebener Büttenrede als "Ritter wider den tierischen Ernst". Seine jecke Frage, wer denn nun "Deutschlands next Mutti" werden solle, steht im Skript. Und Laschet wusste genau, wie sie daheim reagieren würden auf seine scheinbar so ratlose Frage, wer in aller Welt den Kanzlerjob denn nur übernehmen solle. Drei, vier Sekunden genießt er den Jubel, die Huldigungen. Dann blickt er auf den Teleprompter an der Saalwand, winkt und liest ab: "Nein, nein, nein, nicht ich. Quatsch!"

Aus dem Aachener Karnevalsspaß vor zwölf Tagen ist längst Ernst geworden. Bitterer Ernst. 36 Stunden danach kündigte CDU-Chefin AKK ihren Verzicht auf Parteiführung und Kanzlerkandidatur an, seither taumelt die Union in der Krise. Und Armin Laschet steckt, als Partei- und Regierungschef des bevölkerungsstärksten Bundeslandes, mittendrin.

Der gläubige Katholik musste Demut lernen, erst im zweiten Anlauf wurde er CDU-Chef in NRW

Laschet, zugleich CDU-Bundesvize, fällt bei der Neuaufstellung seiner Partei eine Schlüsselrolle zu. Nur welche - als Königsmacher oder als Partei-Prinz mit eigenen Ambitionen? Der oft unterschätzte, weil allzeit joviale Rheinländer ist neben dem konservativen Friedrich Merz und dem Jungstar Jens Spahn einer von drei Christdemokraten aus Nordrhein-Westfalen, die sich (bislang noch unerklärt) die beiden mächtigen Berliner Ämter zutrauen. Ein viertes Landeskind, Laschets einstiger Weggefährte und Ex-Freund Norbert Röttgen, hat sich am Dienstag sogar offiziell beworben. Das verändert die Lage erneut, und nicht unbedingt zu Laschets Gunsten. "Er und Laschet pflegen dasselbe liberale, moderne Profil", sagt ein Düsseldorfer Insider, "nur kann Röttgen besser blenden."

Noch zu Beginn der Woche sah es aus Düsseldorfer Perspektive so aus, "dass alles auf Laschet zuläuft". So sagte es da ein gut informierter CDU-Politiker, der bisher nicht zum engsten Fanklub des Landesvaters zählt. Laschet, der Netzwerker und Strippenzieher, bastelte an einer "Teamlösung" für die künftige CDU-Spitze, die der Partei und ihm selbst Kampfabstimmungen ersparen sollte. Diesen Weg nach oben hat Röttgen, der "Team als ein anderes Wort für Hinterzimmer" denunzierte, nun versperrt. Er kandidiert gegen alle, verlangt sogar eine Mitgliederbefragung.

Laschet muss sich entscheiden: Zieht er in den offenen Kampf um die Macht in der Partei und Republik? Riskiert er, sich im Falle einer Niederlage mit nicht mal 60 Jahren auch in seinem geliebten Amt des NRW-Ministerpräsident zu beschädigen?

Viele Parteifreunde trauen das "unsrem Armin" nicht zu. Laschet, studierter Jurist und gelernter Journalist, gilt ihnen als "zu nett", als Zauderer. Der gläubige Katholik musste Demut lernen, erst im jeweils zweiten Anlauf wurde er Partei- und Fraktionschef in NRW. Der Sieg bei der Landtagswahl im Mai 2017 gegen ausgelaugte Sozialdemokraten hat ihn selbst überrascht. Nur kalkuliert der Mann sein Risiko präzise. Laschet, der Fußballfan, wettet zwar lau und setzt nur auf Unentschieden - aber er kann vorrechnen, wie er so unterm Strich Gewinne einstreicht.

Eher bescheidene Erwartungen eröffnen allerdings die Chance, sein Publikum zu überraschen. So geschehen im hessischen Kelkheim im Frankfurter Speckgürtel, wo die lokalen Christdemokraten alljährlich einen CDU-Prominenten zum "Valentinstreffen" auftreten lässt. 400 meist ältere Parteisemester sind gekommen, die Blaskapelle spielt. Den Gastredner vom Rhein erwartet kein Heimspiel, als er vorigen Freitag die Stadthalle betritt: Der Beifall ist freundlich, aber befragte Besucher hegen eher Hoffnungen, "dass jetzt der Merz rankommt". Damit sich endlich was ändere, "der Laschet ist ja eher bei Merkel, oder?" Dann verhaspelt sich der örtliche Parteichef und begrüßt herzlich "den Ministerpräsidenten Lasch ... äh".

Zur SZ-Startseite