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Langzeitfolgen:Der Schmerz aber bleibt

Wiesn-Attentat-Opferanwalt Werner Dietrich

Werner Dietrich schlägt vor, dass jeder der Schwerstverletzten einen einmaligen Betrag von 100 000 Euro erhalten soll, jeder mittelschwer Verletzte 70 000 Euro.

(Foto: privat/dpa)

Ein Münchner Anwalt kämpft für einen Fonds zur Entschädigung der Opfer.

Von Annette Ramelsberger

Werner Dietrich hat den Kampf für die Opfer des Oktoberfest-Attentats zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Der Münchner Anwalt hat die Wiederaufnahme des Verfahrens erzwungen, er setzt sich nun auch dafür ein, dass zumindest die Schwerstverletzten noch eine Anerkennung ihres jahrzehntelangen Leidens erhalten. Denn die Ermittlungen mögen zu Ende sein, die Schmerzen der Opfer aber werden bleiben.

Dietrich hat sich deshalb an die Stadt München, den Freistaat und die Bundesregierung gewandt, um einen Fonds für die Opfer des Oktoberfestattentats zu finanzieren. Ihm schwebt ein Volumen von sieben Millionen Euro vor, aus dem eine einmalige Zuwendung für die Verletzten als Anerkennung ihres jahrzehntelangen, oft vergessenen Leidens gezahlt werden soll.

Einer der damals Verletzten ist Robert Höckmayr, 51. Er war als Zwölfjähriger mit seiner Familie auf dem Fest, vor seinen Augen starben zwei seiner Geschwister. Er selbst wurde schwer verletzt, lag acht Wochen im Krankenhaus und fast ein Jahr im Streckverband. Aber die Familie bekam noch nicht einmal einen Rollstuhl für den Sohn. "Wir waren völlig auf uns allein gestellt", sagt Höckmayr heute. Vor vier Jahren hat er einen Antrag auf Entschädigung beim Bundesamt für Justiz gestellt. "Ich habe nie wieder was davon gehört."

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass man den 13-jährigen Höckmayr aus dem Krankenhaus allein nach Haus geschickt habe. Eine Ärztin habe ihm später beim Versorgungsamt gesagt, er solle sich mal nicht so anstellen. Das ist nicht richtig - und wurde nun korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Es sind auch Menschen wie Dimitrios Lagkadinos, der ein so herzerfrischendes Bairisch spricht und ohne jeden Groll jeden Tag seinen Rollstuhl an den Arbeitsplatz lenkt. Er war 17, als ihm die Bombe beide Beine abriss. Seine Freundin ging knapp vor ihm. Sie hat die größten Splitter abgefangen, sie hat nicht überlebt. Jedes Jahr geht Lagkadinos an ihr Grab. Er hatte Glück.

Die Opfer des Oktoberfest-Attentats müssen seit Jahrzehnten mit den Versorgungsämtern streiten, sie mussten sich anhören, sie sollten sich nicht so anstellen, die Kriegsversehrten aus dem Zweiten Weltkrieg müssten viel mehr leiden. Ihre seelischen Schäden wurden als Weinerlichkeit abgetan, es waren die Achtzigerjahre.

Erst in den vergangenen Jahren hat die Stadt sich der Opfer erinnert. Zweimal gab es 50 000 Euro, das sind umgerechnet 300 Euro für jeden der 211 Verletzten. Auf einer Liste des Jahres 1980 wurden 58 Schwerstverletzte verzeichnet, denen die Beine amputiert werden mussten und die schwere Organverletzungen erlitten haben. 67 Menschen galten als mittelschwer verletzt, 79 als leicht. Heute sind nach Einschätzung von Anwalt Dietrich noch 100 dieser Menschen am Leben. Dietrich schlägt vor, dass jeder der Schwerstverletzten einen einmaligen Betrag von 100 000 Euro erhalten soll, jeder mittelschwer Verletzte einen Beitrag von 70 000 und die leichter Verletzten noch 30 000 Euro - auch in Anerkennung dessen, was die Opfer später durchmachen mussten. Und in Anlehnung an die Summen, die Opfern nach Verkehrsunfällen gezahlt werden.

Dietrich regt an, dass auch die Münchner Brauereien und die Wiesnwirte in den Fonds einzahlen. Er weiß, dass die Stadt an diese Unternehmen bereits herangetreten ist, allerdings bisher ohne große Resonanz. Jetzt setzt er auf Spendenwillige in der Bevölkerung.

© SZ vom 08.07.2020

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