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Langzeitarbeitslose:"Gebraucht zu werden, gibt einem Selbstbewusstsein zurück"

Long-Term Unemployed To Receive Opportunity Through New Labor Participation Law

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil beim Treffen mit DB-Mitarbeiter Mike Jordan (rechts) am Montag in Berlin

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)
  • Nach einem Jahr Teilhabechancengesetz zieht Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eine positive Bilanz.
  • Rund 34 000 der nun eingestellten Menschen waren mehr als sechs Jahre ohne Arbeit. Insgesamt fanden 42 000 Langzeitarbeitslose einen Job.
  • Bis 2022 investiert der Bund vier Milliarden Euro in das Förderprogramm.

Mike Jordan war Maurer, bis er vor acht Jahren an Epilepsie erkrankte und seinen Beruf aufgeben musste. Zu hoch war die Verletzungsgefahr für ihn selbst und andere, sollte er einen Schub erleiden, der seinen Körper für einen kurzen Moment unkontrollierbar macht. Jordan orientierte sich um, machte eine Ausbildung zum Gebäudereiniger, doch einen Job fand er nicht. Fünf Jahre lang ging das so, statt zu arbeiten, bezog er Hartz IV.

Er war einer der rund 800 000 Langzeitarbeitslosen in Deutschland geworden, also jenen Menschen, die mindestens ein Jahr nicht berufstätig sind. Ihnen soll seit vergangenem Jahr das "Teilhabechancengesetz" helfen. Es soll ihnen den Weg zurück in die Arbeitswelt erleichtern und wieder Struktur für den Tag und Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen. Und zumindest bei Mike Jordan, heute 47, scheint das zu klappen.

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Das Gesetz sieht vor, dass Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose einstellen, einen Zuschuss vom Staat beantragen können. Zwei Fördermöglichkeiten gibt es. Beschäftigt eine Firma jemanden, der mehr als sechs Jahre am Stück ohne Arbeit war, bekommt das Unternehmen für zwei Jahre bis zu 100 Prozent Lohnkostenzuschuss. Menschen, die mehr als zwei Jahre ohne Job waren, können mit 75 Prozent im ersten und 50 Prozent im zweiten Jahr gefördert werden. Vier Milliarden Euro investiert der Bund insgesamt bis 2022. Diese Förderung ist laut Arbeitsministerium günstiger, als dauerhaft Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

Mike Jordan hat über das Jobcenter eine Stelle bei der Deutschen Bahn gefunden. Seit vergangenem November tritt er morgens seinen Dienst am Berliner Bahnhof Friedrichstraße an. Er kümmert sich um die Sauberkeit am Bahnsteig und in den Durchgängen, räumt Abfall weg, entfernt Kaffeeflecken vom Boden. Seine Krankheit, sagte er, sei dabei kein Problem, er sei in neurologischer Behandlung und käme inzwischen gut zurecht. Für ihn endet der Arbeitstag um 13.30 Uhr. Weil er alleinerziehend ist, arbeitet er in Teilzeit, fährt nach Hause, kümmert sich um seine elfjährige Tochter und den Haushalt. Und so langsam, sagt er, komme er auch wieder zurück in einen Arbeitsrhythmus. Früh aufzustehen und zu wissen was der Tag bringe, das tue ihm gut. "Gebraucht zu werden, gibt einem Selbstbewusstsein zurück."

Von "Selbstbewusstsein" und der "Würde", welche Menschen nach der Rückkehr in die Arbeitswelt zurückbekämen, sprach am Montag auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er zog nach einem Jahr Zwischenbilanz und bezeichnete es als "ermutigend", dass rund 42 000 Langzeitarbeitslose über die Jobcenter sozialversicherungspflichtig arbeiten. Rund 34 000 von ihnen waren mehr als sechs Jahre ohne Arbeit, etwa 8000 mehr als zwei Jahre. Von den vier Milliarden Euro sind nach einem Jahr rund 500 Millionen Euro genutzt worden. Fast Dreiviertel der Arbeitsplätze entstanden im privaten Sektor, etwa 20 Prozent bei öffentlichen und sieben Prozent bei kirchlichen Arbeitgebern.

Die Deutsche Bahn stellt jährlich rund 20 000 neue Mitarbeiter ein. Seit November sind 17 von ihnen mit der Förderung des Bundes in Nordrhein-Westfalen und Berlin hinzugekommen. Die neuen Mitarbeiter bedienen auch Fahrkartenautomaten, helfen Menschen mit Einschränkungen beim Ein- und Aussteigen oder kontrollieren Rolltreppen. Mike Jordans Vertrag läuft zunächst zwei Jahre. Dann will er sich wieder bei der Bahn bewerben.

© SZ vom 21.01.2020/clli/cck
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