Süddeutsche Zeitung

Langjähriger Neonazi Michael Fischer:Sieben Indizien, die gegen einen Ausstieg von Drygallas Freund sprechen

Die Olympionikin Nadja Drygalla hat erklärt, ihr Lebensgefährte Michael Fischer sei aus der Neonazi-Szene ausgestiegen. Im Mai habe er "persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet". Spuren, die der langjährige Rechtsextremist im Internet hinterlassen hat, lassen an seiner tatsächlichen Läuterung zweifeln.

Antonie Rietzschel und Oliver Das Gupta

Es war ein Interview, das alle Fragen beantworten sollte: Nein, erklärte Ruderin Nadja Drygalla der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag, sie fand die Aktivitäten ihres stark rechts rotierenden Lebensgefährten Michael Fischer nie gut, sei selbst nie bei einer Demo gewesen. Sie habe wegen des Weltbildes mit ihrem Freund oft diskutiert, die Beziehung sei deshalb nicht mehr fröhlich gewesen, sagte die 23 Jahre alte Olympionikin in Rostock. Sie habe auch an Trennung gedacht.

Im Frühjahr allerdings, so berichtete sie, habe es eine Wendung gegeben: Ihr Freund sei "seit Mai kein Mitglied in der NPD mehr", er habe "persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet", beteuerte die Sportlerin. Sie selbst habe wohl großen Anteil an der Entscheidung ihres 24 Jahre alten Freundes.

Der stellvertretende NPD-Chef von Mecklenburg-Vorpommern David Petereit erklärte der Nachrichtenagentur dapd inzwischen, Fischer habe Ende Mai die Partei verlassen.

Ist Michael Fischer, 2011 noch NPD-Kandidat für den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und ein Wortführer der "Nationalen Sozialisten Rostock", tatsächlich aus dem braunen Sumpf ausgestiegen? Hat sich der Student, der noch am 25. Februar 2012 eine Gedenkveranstaltung für ein Rostocker Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds störte, von seiner kruden Ideologie abgewandt? Antirassistische Blogs wie Publikative.org haben bereits Zweifel angemeldet. Spuren, die der Mann im Netz hinterlassen hat, werfen zumindest Fragen auf.

[] Fischer veröffentlichte auf dem rechtsextremen Portal MUPinfo mehrere Namensartikel. Das bislang letzte namentlich gekennzeichnete Stück handelte von einem angeblichen "linksextremen Anschlag", Fischer pöbelte gegen die "linke Ausländerlobby". Der Artikel erschien am 16. Juni 2012 - also deutlich nach dem von Drygalla genannten angeblichen Bruch mit der Szene. Fischers Name taucht auch nach wie vor auf der Übersicht des Redaktionsteams auf.

[] Nach Informationen von Süddeutsche.de ist Fischer nach wie vor über Facebook mit anderen Rechtsextremisten befreundet, darunter auch neben in der NPD engagierten Leuten auch Aktivisten der "Nationalen Sozialisten Rostock" (NSR) - jener Neonazi-Gruppe, mit der er laut Drygalla ebenfalls gebrochen hat. Ein aktueller Facebook-Freund Fischers postete ein Gruppenfoto, auf dem ein Kumpan die rechte Hand reckt. Allerdings ist die Frage, ob eine Ausstieg aus der Szene mit der Löschung aller Facebook-Freunde aus dem Milieu einhergehen muss.

[] Fischer reiste mit seiner Freundin zu den Olympischen Spielen nach London, zumindest erschienen entsprechende Fotos und Mitteilungen auf seinem Facebook-Profil, wie die Journalistin Andrea Röpke und andere berichteten. Ein ironischer Unterton durchzog demnach viele von Fischers inzwischen gelöschten Äußerungen: "Ich erfreue mich der Völkerverständigung. Sitze neben Schwarzen und Pakis in der Bahn und helfe Schweizern im Hotel", schrieb er. "Pakis" ist die abfällige Bezeichnung für Pakistaner und andere Menschen mit Herkunft aus dem südasiatischen Raum. Unter einem Bild, das ihn vor der Tower Bridge zeigt, schrieb Fischer, er sei ein "Neonazi-Monster", das in London unterwegs sei. Die Kamera sei seine "gefährlichste Waffe".

[] Auf dem Facebook-Profil von "Fail Better Photography", das Fischer bis vor kurzem administrierte, tauchte bis vor wenigen Tagen eine Fotoserie mit Drygalla auf ("Kurzes und spontanes Shooting mit der Schönsten"). Screenshots des antifaschistischen Portals Kombinat Fortschritt zeigen: Die Fotos mit der Ruderin Drygalla sind harmlos, einige Aufnahmen mit anderen Frauen nicht. Eine posiert mit Baseballschläger, auf ihrem T-Shirt prangt der Aufdruck "White Power". Auf einem weiteren Foto ist eine Dame mit dem Aufdruck "Landser" zu sehen - der Name einer verbotenen Neonazi-Band. Die Fotos waren am 23. Mai hochgeladen worden, just in dem Monat, in dem Fischer angeblich mit dem Rechtsextremismus gebrochen hat.

Fischer: "Daher würde ich nicht sagen, dass ich das bereue"

[] Michael Fischer war noch am 1. Mai auf einer NPD-Demo in Neubrandenburg aktiv, sagte Julian Barlen zur SZ. Der SPD-Landtagsabgeordnete ist die treibende Kraft hinter dem Infoportal "Endstation Rechts" und "Storch Heinar". Da das rechtsextreme Portal MUPinfo Fischer nach wie vor als "Nationalisten" bezeichnet, hält Barlen einen plötzlichen Ausstieg des Drygalla-Freundes für eher unwahrscheinlich. "Normalerweise haben Aussteiger in der rechtsextremen Szene den Status von Verrätern, die nicht selten psychisch und physisch unter Druck gesetzt werden." Es ist nicht bekannt, dass Fischer irgendwelchen Anfeindungen bisheriger rechtsextremer Freunde ausgesetzt ist.

[] Im Gegenteil: Der NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern motzte in einer Pressemitteilung am 3. August mit Blick auf den Fall Drygalla über eine angebliche "Gesinnungsdiktatur" und nennt Fischer einen "nationalen Aktivisten". Der langjährige NPD-Chef Udo Voigt regte sich in einem Beitrag für das rechtsextreme Portal Altermedia über den Fall Drygalla auf und wetterte gegen "Systemknechte". Holger Apfel, der aktuelle NPD-Vorsitzende, beklagte auf Facebook "Sippenhaft", das sei "nur noch krank". Nach SZ-Informationen stilisieren Fischers Facebook-Freunde Drygalla in dem sozialen Netzwerk inzwischen zur "Märtyrerin der Freiheit" - wohlgemerkt gegen den Willen der Athletin.

[] Auf MUPinfo, das NPD-Landesvize Petereit betreibt, wird Fischer in einem Bericht vom 3. August über die Causa Drygalla weiterhin als "Rostocker Nationalist" und auch als "sogenannter 'Neonazi'" bezeichnet.

Zumindest ein Indiz gibt es, das für eine Distanzierung Fischers von der braunen Szene spricht: So hostet die Domain "NSRostock.de", die Fischer gehört, inzwischen nicht mehr die Seiten der "Nationalen Sozialisten Rostock". Auf der Startseite wird allerdings auf die aktuelle Webpräsenz der Organisation verwiesen.

Fischer selbst hat sich zu seinem vermeintlichen Gesinnungswandel und seinen NPD-Austritt noch nicht öffentlich geäußert. Eine entsprechende E-Mail-Anfrage der SZ hat er bislang nicht beantwortet, telefonisch ist er nicht erreichbar.

Nachtrag 15.36 Uhr: Inzwischen hat sich Michael Fischer im Gespräch mit der dpa geäußert. Er sei vor den Olympischen Spielen in London "den Schritt gegangen, mit der Sache abzuschließen, dass ich Neonazi bin". Die Folgen seiner Taten in der rechten Szene habe er für sich selbst bewusst in Kauf genommen, sagte Fischer. "Daher würde ich nicht sagen, dass ich das bereue. Aber ich habe insbesondere Nadja nie einen Gefallen getan, insofern wäre es besser gewesen, wenn ich es nie gemacht hätte." Dass er auf der rechtsextremen Internetseite immer noch als Redaktionsmitglied geführt wird, begründet er damit, dass sein Parteiaustritt ein schleichender Prozess gewesen sei: "Ich habe mich ja nicht an einem Tag hingestellt und gesagt: Jungs, ich trete aus der Partei aus, ab jetzt seht ihr mich nicht mehr." In Zukunft wolle er nicht mehr für die Seite schreiben.

Hier der Link zur vollständigen Meldung über die Äußerungen Fischers.

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