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Landwirtschaft:Die Entfremdung

Besorgte Bürger und frustrierte Bauern haben sich zum Auftakt der Grünen Woche in einen Teufelskreis verstrickt. Was es braucht, um beide Seiten zu versöhnen, ist ein neuer Gesellschaftsvertrag.

Sie haben es satt, alle miteinander. Am Freitag lenken frustrierte Bauern ihre Traktoren in die Städte, weil sie sich von immer neuen Umweltauflagen überfordert sehen. Und am Samstag gehen besorgte Bürger auf die Straße, weil sie eine umweltfreundlichere Landwirtschaft wollen. Zum Auftakt der Grünen Woche haben sich beide Seiten in einen Teufelskreis der Entfremdung verstrickt. Der Ton ist rau, die Lage wirkt verfahren - und ist doch nicht ausweglos.

Wer ist hier Opfer, wer ist Täter? Die Rollen verschwimmen. Im Zentrum aber steht die Ökonomie der Landwirtschaft; hier sind die Bauern vor allem Opfer des Systems. Denn wer Boden bewirtschaften will, braucht zunächst einmal Land - und das ist knapp. Ist ein Gut aber derart knapp, wird es teuer.

Den Bauern in Deutschland geht es da nicht besser als Millionen Mietern, denn 60 Prozent ihrer Flächen sind gepachtet. Wenn Landwirte heute im Wortsinn ackern müssen, dann auch, um steigende Pachtpreise zu erwirtschaften. Ihre Erlöse fließen so zunehmend an Grundbesitzer und Investoren. Andere Höfe geben auf und verpachten lieber ihr Land; so werden die übrigen Betriebe größer. Doch mit den Bodenpreisen wächst der Zwang, das Letzte aus diesen Böden herauszuholen.

Der Preis dafür ist hoch. Wer viel rausholen will, der nimmt noch den letzten Streifen Land her. Der spart nicht an Dünger und Chemie - auch wenn dadurch reihenweise Insekten und Feldvögel auf den Roten Listen landen und irgendwann ganz verschwinden. Wer viel Vieh halten will, aber nicht genug Fläche für das Futter hat, der kauft eben im großen Stil Soja ein. So kann Deutschland mehr Fleisch erzeugen, als der Boden hergibt. Dummerweise fällt damit auch mehr Gülle an, als der Boden aufnehmen kann. Mit der Folge, dass das Grundwasser vielerorts kippt und die Bundesregierung mit immer neuen Auflagen an den Symptomen doktert, sehr zum Ärger der Bauern. Dass diese Spirale zwanghaften Wachstums keine Zukunft haben kann, ahnen auch viele Landwirte. Und viele Bürger ohnehin.

Dabei machen die Konsumenten fleißig mit. Die meisten wollen zwar gute Lebensmittel, achten aber mehr auf den Preis als auf Herkunft und Methoden. Der angeblich "mündige Verbraucher" kapituliert allzu oft an der Kasse. Auch der Handel versagt. Er inszeniert zwar hübsche grüne Kampagnen. Solange sich aber nachhaltig erzeugte Butter gegen billige Eigenmarken behaupten muss, solange Fleisch zu Ramschpreisen Kunden locken soll, ist der Handel der falsche Partner im Kampf für eine bessere Landwirtschaft.

Die müssen schon alle gemeinsam erstreiten. Das genau ist die Chance auch dieser Proteste, so gegensätzlich sie wirken. Denn so sehr sich Bauern und besorgte Bürger entfremdet haben mögen, sie wollen dasselbe: eine Landwirtschaft mit Zukunft. Sie wissen, dass die herrschende Ökonomie einen Preis haben wird, der für Umwelt und Gesellschaft unbezahlbar ist. Es könnte Kern eines neuen Gesellschaftsvertrags werden, auszuhandeln von einer Art Strukturwandelkommission: Wie soll dieses Land, seine Landwirtschaft und Tierhaltung aussehen? Und: Was muss das einer Gesellschaft wert sein?

Viele Antworten liegen auf der Hand: Es braucht mehr Fruchtfolgen auf den Äckern, mehr Blühstreifen, es braucht Rückzugsorte für Insekten und Vögel. Pestizide und Dünger müssen gezielter an die Pflanzen, insgesamt aber auch weniger. Es muss Schluss sein mit Quälerei in den Ställen, sei es durch Spaltenböden, Anbindehaltung von Kühen, die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung. Es geht um einen neuen Respekt vor, buchstäblich, Lebensmitteln und ihren Grundlagen.

Das nötige Geld ist da. Mehr als sechs Milliarden Euro erhalten deutsche Landwirte im Jahr an EU-Agrarsubventionen. Dieses Geld muss künftig Leistungen entlohnen, die der Landwirt für das Land, die Umwelt und die Gesellschaft erbringt. Bisher ist die Fläche der entscheidende Maßstab, was den Druck bei den Pachten nur noch erhöht. Gut möglich, dass unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft diese Subventionen neu verhandelt werden. Die Chance, die Verantwortung ist riesig.

Doch Geld allein löst die Probleme so wenig wie der schönste nationale Konsens. Europas Standards müssen strenger werden, sie müssen die konventionelle Landwirtschaft langsam an die ökologische heranführen - samt Behörden, die diese Standards in ganz Europa durchsetzen. Andernfalls bleiben innerhalb der Union jene Bauern die Dummen, die Normen tatsächlich einhalten. Und es muss Schluss sein mit einer Handelspolitik, die auf strikte Umweltvorgaben für Importe verzichtet - aus Angst, es könnte Europas Exportindustrie Schaden nehmen.

Wer ist Opfer, wer Täter? Letztlich ist das egal. Alle sind irgendwie beteiligt. Aber wenn so viele es satthaben, dann ist das eine gute Voraussetzung, um die Dinge gemeinsam neu zu denken. Landwirte und Gesellschaft hängen zu eng zusammen, um sich derart fremd zu sein.

© SZ vom 16.01.2020
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