Landwirtschaft Bio gegen Grün

Auch die neue Art, männliche Küken zu selektieren, führt zu Streit.

Von Constanze von Bullion

Sollte es Männer geben, die sich vom weiblichen Geschlecht um ihre Rechte gebracht fühlen: Sie sollten in die Welt der Hühner schauen. Da ist alles noch viel schlimmer. Der stolze Hahn, einst Sinnbild fescher Männlichkeit, stolziert vielleicht noch durchs Kinderbuch. Auf dem real existierenden Bauernhof oder in der Eierindustrie ist er vor allem: ein lästiger Kostgänger. Und ein moralisches Problem, nicht nur an Ostern.

Etwa 45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr in Deutschland getötet, weil weder Verbraucher noch Händler Verwendung für sie haben. Denn bei den einschlägigen Legehühnerrassen ist nur die Henne von wirtschaftlichem Nutzen: als Hochleistungseierlegerin. Der Hahn hingegen, ewig pickend und teuer in der Aufzucht, setzt zu wenig Fleisch an, um es zum Masthähnchen zu bringen. Millionenfach werden männliche Küken daher vergast und zu Tierfutter verarbeitet.

Das sogenannte Kükenschreddern verdirbt Eierfreunden den Appetit und der Lebensmittelindustrie den Ruf. In einzelnen Modellprojekten dürfen "Bruderhähne" daher inzwischen weiterleben. Dort verdient die dauerlegende Henne sozusagen das Gnadenbrot für den nutzlosen "Bruderhahn" mit. Viel größer aber bleibt die Zahl der Kükenbrüder, die nach dem Schlüpfen sterben müssen. Das ruft jetzt die Grünen auf den Plan.

"Seit Jahren kündigen die zuständigen Landwirtschaftsminister im Bund an, dass das Kükenschreddern Vergangenheit sein soll", sagte Grünen-Chef Robert Habeck der Süddeutschen Zeitung. Die große Koalition habe vereinbart, das Kükentöten bis Mitte der Legislatur zu beenden: "Passiert ist bisher nichts." Das Tierschutzgesetz schreibe vor, dass keinem Tier "ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden" zugefügt werden" dürften. "Es gibt Alternativen", so Habeck weiter. "Sie sollten verbindlich eingeführt werden."

Gemeint ist die "Endokrinologische In-ovo Geschlechtsbestimmung", die das Kükenschreddern überflüssig macht. Dabei wird per Laser ein Loch in die Eischale gebrannt und über den Urin das Geschlecht des Kükenembryos bestimmt. Ist er männlich, wird das Ei nicht ausgebrütet und kommt in die Tierfutterverwertung. Was in der Fachsprache "Euthanasie" heißt, ist auch für die Industrie attraktiv. Die Firma "Seleggt", die das Wort Selektion mit dem englischen egg gekreuzt hat, bietet im Auftrag der Rewe-Gruppe bereits in rund 300 Berliner Märkten selektierte "Respeggt"-Eier an.

Von Respekt vor der Kreatur aber könne keine Rede sein, meint Inga Günther, Geschäftsführerin des Verbands Ökologische Tierzucht. 21 Tage werde ein Ei bebrütet, an Tag neun werde bei der In-ovo-Methode "gesext", also nach Geschlecht selektiert. "Es ist erwiesen, dass Hühnerembryonen ab dem siebten Tag bereits ein Schmerzempfinden haben", sagt Günther. "Das Tier lebt, es muss fachgerecht getötet werden." Stimmt nicht, sagt die Leipziger Forscherin Almuth Einspanier, die die Methode entwickelt hat. "Es ist sicher belegt, dass es ab dem elften Tag ein Schmerzempfinden gibt, vorher nicht." Eine Lösung in dem Streit ist nicht in Sicht - und auch keine preisgünstige Hühnersorte, bei der beide Geschlechter sich gleichermaßen nützlich machen.