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Landtagswahlen:"Regieren heißt, eine Haltung zu haben"

Vorne auf dem Podium versucht der Landesvorsitzende Thomas Webel Stimmung zu machen: "Dass wir mal stärker werden als die CDU in Baden-Württemberg, das hätten wir auch nicht gedacht." Ob das so ein guter Vergleich ist? Die Mitglieder sind nachdenklich. "Ich freu mich zwar, dass die Kommunisten verloren haben, aber die Regierungsbildung wird halt schwierig", sagt zaghaft ein älterer Mann im grauen Anzug. Und dann sagt er, was viele sagen: Er könne schon nachvollziehen, warum Leute AfD wählen. Überall werde gekürzt, die Leute verdienten zu wenig Geld, bekämen keine Rente, "aber für Flüchtlinge sind Millionen da". Ist das Kritik an der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel? Er seufzt. "Ich bin froh, dass unser Ministerpräsident wenigstens eigene Akzente gesetzt hat." Reiner Haseloff suchte im Wahlkampf bewusst die Nähe zu CSU-Chef Horst Seehofer. Gereicht hat es nicht, die AfD klein zu halten. Und bei den CDU-Kandidaten in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ging die gleiche Strategie ganz offensichtlich nicht auf.

Bleibt also auch die Frage: Was lösen diese Wahlergebnisse aus, wenn die Schockwellen aus den Ländern über die Bundeshauptstadt Berlin hereinbrechen. Was bedeuten die Ergebnisse für Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Flüchtlingspolitik selbst von Parteifreunden für den Aufstieg der AfD mitverantwortlich gemacht wird? Und was bedeuten sie für den Vizekanzler Sigmar Gabriel, dessen Partei in zwei Bundesländern näher an zehn Prozent liegt als an 20?

Wenigstens in Rheinland-Pfalz scheint die sozialdemokratische Welt noch einigermaßen heile zu sein - daran haben auch abtrünnige Wähler wie Wermter nichts ändern können. David Freichel, SPD-Mitglied, steht nach der Wahlparty im Halbdunkel vor dem Abgeordnetenhaus, nimmt noch einen Schluck und grinst, als könne er das hier alles gar nicht glauben. Es ist sein drittes Bier oder sein viertes, ist ja auch egal. Was ein Abend! Gerade wurden oben, im zweiten Stock, die Ergebnisse verkündet. 36,2 Prozent für Malu Dreyer.

"Wahnsinn", sagt Freichel. Und tatsächlich ist es ziemlich erstaunlich, wie Dreyer in kürzester Zeit zugelegt hat. Was hat sie, was der SPD abgeht? Was hat sie, was zum Beispiel Sigmar Gabriel fehlt? Freichel lacht. "Dreyer kann die Menschen gewinnen", sagt er, "egal ob 20 im Vereinsheim, 200 im Bierzelt oder 2000 auf einem Marktplatz." Sie sei nicht so ehrgeizig wie manch anderer in der Partei, sie stehe sich nicht selbst im Weg. Und außerdem: "Regieren heißt, eine Haltung zu haben und diese Haltung zu wahren." Der junge Mann meint etwa Dreyers Entscheidung, nicht in einer Talkrunde mit der AfD zu sprechen. Die er für falsch hielt. Und dennoch fand er es gut, dass Dreyer dabei blieb. Er nimmt noch einen Schluck, hinter ihm geht die Tür auf und CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner huscht an den Fotografen vorbei. Freichel lacht. Und zeigt auf sein T-Shirt: "Die Hühner werden am Abend gezählt." Was man in etwa so interpretieren kann: Es mag manchmal alles klar scheinen, und dann kommt es doch ganz anders. Wer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt in einigen Wochen regieren wird, das lässt sich jedenfalls nach diesem 13. März noch nicht sagen.

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In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben die Bürger über die Zusammensetzung ihrer Landtage entschieden. In zwei Ländern liegt die AfD vor der SPD, in Sachsen-Anhalt kommt sie sogar auf mehr als 20 Prozent. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Videoproduktion: Lukas Ondreka