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Landtagswahlen:Verwirrung und Jubel bei der AfD in Magdeburg

Auf der Wahlparty der AfD in Magdeburg ist weniger los, als man es sich nach diesem Ergebnis vorgestellt hätte. Es sind wesentlich mehr Journalisten als Sympathisanten im Raum, die wenigen Stehtische, die von Menschen mit AfD-Ansteckern umstellt sind, sind geradezu eingemauert mit Kameras. Jeder will wissen, wie sie sich fühlen, die Sieger des Abends. Aber die sind noch unsicher in dieser Rolle. "Ein Problem ist, dass wir hier heute überhaupt keinen richtigen Repräsentanten haben", flüstert ein Mann einem anderen zu. Spitzenkandidat André Poggendorf ist im Landtag. "Da muss sich gleich noch mal einer auf die Bühne stellen", fährt der Mann fort und verschwindet nervös durch die Tür.

Die Rettung naht schließlich in Gestalt des thüringischen AfD-Politikers Björn Höcke. Der springt gegen halb sieben auf die Bühne und spult eine wohlerprobte Aneinanderreihung AfD-typischer Reizwörter ab. "Ihr habt gekämpft wie die Löwen für euer Land. Und die alten Kräfte haben wie die Schlangen gegen euch gekämpft. Aber das Gute wird siegen." Dafür, dass nur ein paar Dutzend Anhänger im Raum stehen, ist der Jubel unglaublich.

Interessant ist jedoch, dass dieses Laute und Konfrontative häufig schwindet, sobald sich ein Mitglied aus dem Knäuel der anderen herausbewegt. Zum Beispiel Max Teichert, 22 Jahre, Anzugträger wie viele junge Männer hier. Eigentlich wollte er immer FDP wählen. Dann ist er 2014 in die AfD eingetreten. "Wegen Professor Lucke, den fand ich gut." Wenn Max Teichert in die Zukunft schaut, dann ist da nichts von der Großspurigkeit, die etwa Björn Höcke auf der Bühne zeigt. "Es ist natürlich ein Problem, dass die Leute, die jetzt ins Parlament kommen, alle sehr unerfahren sind", sagt er. "Politik ist nicht so einfach, wie sie nach außen aussieht. Aber ich glaube fest daran, dass die Abgeordneten sich gut einbringen werden." Nach der großen Revolution, die Höcke auf der Bühne ausruft, klingt das nicht mehr. Keine Angst, dass die Wähler enttäuscht werden? "Na ja, die medienwirksamen Auftritte gibt es eher im Plenum", sagt er und grinst. Außerdem wisse er, dass viele Mitglieder der CDU an einer Zusammenarbeit mit der AfD interessiert seien. "Auch wenn sie das jetzt noch nicht offen sagen."

Früher, in der alten Bundesrepublik, da waren die Verhältnisse überschaubar: Es gab zwei große Volksparteien und ein bis zwei Mehrheitsbeschaffer. Die Volksparteien hatten meist jeweils einen Favoriten für die Koalitionsbildung - und wenn ihnen der Wähler diese Optionen verwehrte, konnten sie bei Bedarf auch miteinander in einer großen Koalition regieren. Aber diese Beschaulichkeit bröckelte bereits in den vergangenen Jahren. An diesem Wahlabend ist es vor allem die SPD, deren Macht in beispielloser Weise erodiert, zumindest in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt.

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Auch deshalb sehen in Magdeburg die Gewinner an diesem Abend manchmal wie Verlierer aus. Reiner Haseloff hat zwar seine CDU erneut zu stärksten Partei gemacht. Aber mit wem er regieren kann, ist völlig unklar. Für eine große Koalition reicht es nicht mehr. Auf der Wahlparty der CDU wissen die meisten nicht so recht, wie sie sich auf dieses Ergebnis einen Reim machen sollen. Zwei Männer um die 40, einer im rosa Hemd mit dunklen Haaren, der andere blond im Anzug, lehnen mit je einem Bier in der Hand an einem Stehtisch und versuchen es trotzdem. "Ich kannte das früher so", setzt der im rosa Hemd an, der 1996 aus Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt kam, "du kamst entweder aus einer CDU-Familie oder einer SPD-Familie - und so hast du gewählt. Aber hier war das schon immer anders."

Die Wähler in Sachsen-Anhalt hätten keine Bindung an eine spezielle Partei - da hätte eine wie die AfD immer bessere Chancen als anderswo. In der Tat gab es in Sachsen-Anhalt schon häufiger grandiose Aufstiege - und ebenso drastische Abstürze, von einer Wahl zur anderen. Dass diesmal der Koalitionspartner SPD abgestürzt ist, tut dem Mann am Stehtisch nicht so richtig leid. "Eigentlich bin ich kein Fan der großen Koalition. Wenn man das überhaupt noch so nennen kann." Da drängt sich die Frage nach einer Koalition mit der AfD geradezu auf. Doch der CDUler im rosa Hemd winkt ab. "Früher waren da kluge Köpfe drin. Aber die sind ja gegangen, als die ganzen Neonazis kamen."