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Landtagswahl:NRW erlaubt einen Blick in die deutsche Zukunft

Sonnenuntergang im Ruhrgebiet

Der Bergbau bescherte Nordrhein-Westfalen einst relativen Wohlstand. Heute sind Fördertürme stillgelegt.

(Foto: dpa)

Nordrhein-Westfalen hat seinen stahlgestählten Optimismus verloren. Hin- und hergerissen zwischen SPD und CDU, einer schwächelnden AfD und einer aufblühenden FDP steht es exemplarisch für ganz Deutschland.

Seit dem langen Abschied von Kohle und Stahl ist das Land Nordrhein-Westfalen ein hin- und hergerissenes Land. Es lebt im Nachhall der alten Zeit und am Rand einer neuen Zukunft, es steht zwischen Schwermut und Leichtsinn. Als Willy Brandt 1961 den blauen Himmel über der Ruhr versprach, befeuerten 130 Hochöfen und hundert Kraftwerke das Wirtschaftswunder der Republik. Heute ist der Himmel dort blau, aber es fehlt das alte Feuer. Aus den Zechen sind Museen und Eventlokale geworden; und das schöne Wort Malocher hat heute einen nostalgischen Klang. Früher entstanden mit jeder Tonne Roheisen 8,6 Kilo Staub, der das Revier verdreckte. Heute verdreckt das Revier ganz ohne Roheisen.

NRW liefert den Blick in die politische Zukunft Deutschlands

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Dem Land fehlt der stahlgestählte Optimismus von einst, es fehlt ihm die alte Unerschütterlichkeit. Das spiegelt sich in der Politik und in den Ergebnissen der großen Wahlabende: Das Land ist nicht nur hin- und hergerissen zwischen einer verklärten Vergangenheit und einer unklaren Zukunft, es ist auch hin- und hergerissen zwischen SPD und CDU. Das alte Herz der Sozialdemokratie, das ehemalige Kohle- und Stahlrevier, schlägt abwechselnd rechts und links. 2005 musste die SPD mit dem Ministerpräsidenten Peer Steinbrück ihr schlechtestes Ergebnis seit 1954 einstecken - und Jürgen Rüttgers von der CDU wurde Ministerpräsident in Düsseldorf. Nach fünf Jahren war es dann mit Rüttgers und der CDU wieder vorbei. Hannelore Kraft von der SPD wurde 2010 Ministerpräsidentin; und als 2012 noch einmal gewählt wurde, errang die SPD einen glänzenden Sieg und die CDU unter Norbert Röttgen erlitt das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. So geht das in NRW: raus aus der SPD, rein in die CDU, dort dann wieder raus und dann wieder rein. Diesmal kriegt die SPD den schweren Dämpfer und die CDU mit Armin Laschet freut sich über den großen Aufschwung aus tiefstem Tief.

Dieses Hin und Her, bei dem die großen Parteien abwechselnd die schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte erhalten, widerspiegelt das Hin und Her der Gefühle an Rhein und Ruhr, das Schwanken zwischen Aufruhr und Tristesse; die Balken mit den Parteifarben fahren an den Wahlabenden in NRW noch heftiger nach oben und unten als anderswo. Das Land lebt in einer eigenartigen Spannung, in einem Gewoge der politischen Stimmungen. Jüngst zeigte sich diese Spannung darin, dass in den Umfragen die beiden großen Parteien fast gleich groß waren - aber keine richtig groß ist. Das Land ist irgendwie unentschieden. Es weiß nicht so recht, wo es seine Zukunft suchen soll.

Es wird gern gesagt, bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen handele es sich um eine kleine Bundestagswahl - weil das Land NRW, gemessen an der Bevölkerung, das größte der sechzehn deutschen Bundesländer ist. Aber nicht nur deswegen sind Wahlen dort so wichtig, so exemplarisch und so bezeichnend. Sie sind es auch deswegen, weil die Hin- und Hergerissenheit der Wähler, die in NRW besonders stark ist, für die Hin- und Hergerissenheit der Wähler in ganz Deutschland steht. Auf bundesdeutscher Ebene ist sie nur nicht ganz so extrem wie an Rhein und Ruhr - aber deutlich spürbar:

Einerseits sind die Deutschen politisch unzufrieden, sie sehnen sich nach politischer Belebung sei es durch eine Person oder durch eine Partei; der wieder abgeebbte Schulz-Hype hat das wunderbar gezeigt. Andererseits gibt es den Wunsch nach Stabilität und Verlässlichkeit, nach einer soliden Regierung, der man - zumal in Zeiten globaler Turbulenzen - trauen und an die man sich halten kann. Derzeit überwiegt in Deutschland das zweite Gefühl. In einer angespannten, unübersichtlichen, ja bedrohlichen internationalen Lage hält sich der Wähler gern an das Gewohnte, einigermaßen Bewährte. Aber darauf ist so wenig Verlass wie auf die internationale Lage.

Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren galt der kometenhafte Erfolg der Piratenpartei, die damals viel bewundert ins Landesparlament einzog, als Beleg dafür, dass man sich in Deutschland an das Werden und Wachsen neuer Parteien gewöhnen muss; die Piraten wurden bestaunt als die Protagonisten eines neuen Zeitalters; die Erfolge, die man von den Piraten erwartete, hatte dann aber die AfD; sie fischte nicht im Netz, sondern mit einem Netz, das braune Maschen hat. Fünf Jahre später ist nun die Wahl in NRW ein Beleg dafür, dass neue Parteien aber auch schnell wieder sterben können und halbtote alte Parteien wieder erwachen. Es zeigt sich nämlich : Die Piraten verschwinden von der Bildfläche und die Bäume der AfD wachsen nicht mehr in den Himmel. Dafür aber steht die FDP in schönster Lindner-Blüte. Nordrhein-Westfalen erlaubt einen Blick in die deutsche Zukunft.

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