FDP:In der Nähe der Todeszone

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FDP: Christian Lindner hat viel Präsenz gezeigt im Wahlkampf. Am Sonntag stellte er dann fest: "Es ist für uns ein sehr trauriger Abend."

Christian Lindner hat viel Präsenz gezeigt im Wahlkampf. Am Sonntag stellte er dann fest: "Es ist für uns ein sehr trauriger Abend."

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Vor fünf Jahren gelang Christian Lindner hier der Wiederaufstieg der FDP - nun schafft sie nur noch knapp den Einzug in den Landtag.

Von Paul-Anton Krüger und Henrike Roßbach, Berlin

Es ist wieder einmal Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die es als Erste auf den Punkt bringt. "Ein grauenhafter Abend", sagt die Verteidigungspolitikerin der FDP am Sonntagabend um 18.27 Uhr in Düsseldorf in die Kameras. "Ein ganz doofer Abend." Die ersten Hochrechnung zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im ZDF sehen die Liberalen zu diesem Zeitpunkt bei 5,5 Prozent, gefährlich nah an der Todeszone. In der ARD kommt die Partei zunächst sogar nur auf 5,0 Prozent.

Im Berliner Hans-Dietrich-Genscher-Haus bangen die Liberalen um den Wiedereinzug ins Parlament im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland. Während Parteivize Johannes Vogel im Fernsehen artig den Wahlgewinnern von CDU und Grünen gratuliert, warten die FDP-Anhänger noch auf ihren Vorsitzenden Christian Lindner. Gleich wird er sich äußern müssen zum schlechtesten Ergebnis seines Landesverbands, seit die Liberalen 1995 mit 4,0 Prozent aus dem Landtag geflogen waren.

Nachdem um 19.12 Uhr auch die Hochrechnung der ARD 5,3 Prozent statt wie zuvor nur 5,0 Prozent voraussagt, betritt zwei Minuten später Linder zusammen mit dem gesamten Parteipräsidium die Bühne. Er findet noch kurz Zeit, Ministerpräsident Hendrik Wüst zu seinem Wahlergebnis zu gratulieren. Man hätte sich gewünscht, auch vom guten Regierungshandeln zu profitieren, sagt er. Und räumt dann ohne Umschweife ein: "Wir haben eine, man muss es so sagen, desaströse Niederlage heute Abend zu verzeichnen."

Die wiegt nicht nur besonders schwer, weil es sich bei NRW um den größten aller FDP-Landesverbände handelt. Sondern auch, weil von dort fast das gesamte Führungspersonal stammt, das Lindner in Berlin um sich geschart hat.

Bei der Landtagswahl 2017 hatte der Chef selbst die FDP noch als Spitzenkandidat zu einem Rekordergebnis von 12,6 Prozent geführt. Von Nordrhein-Westfalen aus organisierte er, damals Fraktionsvorsitzender im Düsseldorfer Landtag, den Wiederaufstieg seiner Partei im Bund - nachdem die FDP 2013 aus dem Bundestag geflogen war. Rückblickend wirkte die Trümmerarbeit Lindners wie ein gut orchestrierter Masterplan, der mit der Bundestagswahl 2017 tatsächlich aufging. Gerade aber geht gar nichts mehr auf. Oder, wie Lindner es am Wahlabend formulierte: "Es ist für uns ein sehr trauriger Abend."

Tatsächlich läuft bei den Liberalen schon seit Wochen deutlich weniger nach Plan, als es dem strategieverliebten FDP-Chef behagen kann. Im Saarland legte seine Partei zwar zu, verpasste aber den Einzug in den Landtag. In Schleswig-Holstein musste sie mit 6,4 Prozent das nächste magere Ergebnis hinnehmen. Lindner erklärte die Niederlage im Norden flugs mit der Popularität des Ministerpräsidenten Daniel Günther von der CDU. Nun aber, in Nordrhein-Westfalen, gibt es nicht mehr viel zu deuteln.

Das eigentliche Ziel der FDP, im größten Bundesland weiter mit der CDU unter Ministerpräsident Hendrik Wüst regieren zu können, war trotz Lindners Einsätzen als Wahlkämpfer schon vor dem Sonntag in weite Ferne gerückt; die Umfragen gaben das nicht mehr her. Jetzt, nach der Wahl, ist die Partei endgültig in der Krise.

Die Grünen haben in Schleswig-Holstein aus einer Jamaika-Koalition heraus gepunktet, im Bund bekommt ihnen die Ampel ausgezeichnet, und in Nordrhein-Westfalen stehen sie aus der Opposition kommend hervorragend da. Die FDP dagegen kann bislang in keiner Konstellation, in der sie sich befindet, richtig profitieren. Ob er neidisch sei auf die Grünen und deren Publikumsliebling Robert Habeck, wurde Lindner kürzlich gefragt. "Halten Sie uns für so klein?", gab er leicht indigniert zurück.

Klein aber war am Sonntag vor allem der gelbe Balken auf den Bildschirmen. Lindner wird sich mit einer Debatte konfrontiert sehen, wie sehr die Regierungsbeteiligung in der Berliner Ampel der Partei schadet. Die Freien Demokraten hätten starke Überzeugungen, sagte Lindner am Wahlabend, aber auch "starke Nerven". Die wird gerade er auch brauchen.

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