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Landtagswahl in NRW:Wenn der Kanzlerin die Partei wegbröckelt

Nordrhein-Westfalen wählt, doch halbwegs spannend wird nur sein, ob es für Rot-Grün diesmal reicht. Während der SPD gar nichts anderes übrigbleibt als zu gewinnen, wird das Abschneiden der CDU das bestimmende Thema sein. Die von Röttgen angeführte Partei droht abzuschmieren, auch weil ihr Spitzenkandidat nie so gewirkt hat, als traue er sich einen Erfolg zu. Merkels Popularität ist ungebrochen. Sie enteilt ihrer Partei - was noch ein Problem für die Bundestagswahl wird.

Es gibt viele Ursachen dafür, dass in Deutschland die Wahlbeteiligung sinkt und Protestparteien wie früher die Linke und jetzt die Piraten Konjunktur haben. Zu den wichtigen Gründen dafür gehört auch ein weit verbreitetes Gefühl: Politisches Engagement, und sei es nur an der Wahlurne, schadet nichts. Aber es nutzt auch nichts.

Wahlkampf NRW - Merkel und Röttgen

Keiner ist so stark wie sie: Kanzlerin Merkel mit ihrem glücklosen NRW-Spitzenkandidaten Röttgen.

(Foto: dpa)

Die Mehrheit der Deutschen lebt heute in relativ großer Freiheit und bestimmt nicht in Armut. Diese Stabilität trägt dazu bei, dass viele Menschen Politik als eine Angelegenheit betrachten, die sie eigentlich nichts angeht; etlichen sind Wahlen schlichtweg egal. Wenn sich Protagonisten der Ist-eh-wurscht-Fraktion der Mühe unterziehen, dies zu begründen, hört man oft Sätze wie: "Das machen sowieso die da oben unter sich aus" oder "Politik ist ein schmutziges Geschäft". Wäre das nicht so, hätten Nörgel-Bücher über machtgeile Politiker, vertuschende Medien und ausschließlich gierige Manager keine solche Konjunktur.

Nun ist es leider aber auch so, dass nicht wenige Politiker durch ihre tausendfach eingeübten Muster, Politik zu machen, Bürger und Wähler von der Politik entfremden. Ein Beispiel: Nach jeder Landtagswahl gibt es im Fernsehen die Runde der Generalsekretäre. Man fühlt sich stets, pardon, an eine Folge aus der Zombie-Serie "The Talking Dead" erinnert. Frau Lemke von den Grünen greift reflexartig Schwarz-Gelb an; Herr Gröhe von der CDU verbiegt jede Niederlage zum Sieg; Herr Döring von der FDP und Frau Lay von der Linken erklären, warum ihre am Abgrund balancierenden Parteien eine strahlende Zukunft vor sich haben. Die öde Inszenierung nach der dritten Hochrechnung törnt ab.

Altgrüne ohne Antworten

Auch an diesem Sonntagabend steht es wieder bevor. In Nordrhein-Westfalen wird die CDU wahrscheinlich abschmieren, auch weil ihr Spitzenkandidat Norbert Röttgen nie so gewirkt hat, als traue er sich einen Erfolg zu. Röttgen scheint zu jener Sorte Karrieremenschen zu gehören, die so viel in den Aufstieg investieren, dass ihnen dann nicht mehr genug bleibt, um an der Spitze das zu erreichen, weswegen sie eigentlich an die Spitze wollten. Die CDU wird möglicherweise ein richtiges Debakel erleben.

Der SPD bleibt angesichts des Zustandes der CDU an Rhein und Ruhr gar nichts anderes übrig als zu gewinnen; halbwegs spannend wird nur sein, ob es für Rot-Grün diesmal reicht. Die Grünen zittern, weil sie politisch und auch vom Wählerpotential her am meisten unter den seltsamen Piraten zu leiden haben. Sylvia Löhrmann, Claudia Roth oder Jürgen Trittin, die stark nach dem alten Westdeutschland riechenden Seniorgrünen, geben jedenfalls nicht die Antworten auf jene Fragen, deretwegen so viele zur Zeit den zur Partei gewordenen orangefarbenen Schwarm wählen.

Aber unabhängig von SPD und Grünen und jenseits des Schicksals der Lindner-FDP in Nordrhein-Westfalen wird das innenpolitische Thema der kommenden Tage die CDU sein. Die Union steckt im klassischen Dilemma einer Regierungspartei im Bund, die in den Ländern jene Popularität und Macht peu à peu verliert, auf deren Grundlage sie einst das Kanzleramt erobert hat.