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Landtagswahl in Niedersachsen:Heavy Metal beim Erntedankfest

Landwirtschaftsminister Christian Meyer

Großer, blasser Mann mit weichem Händedruck: Der Grüne Christian Meyer will nicht mit der CDU in Niedersachsen koalieren. Und Agrarminister in einer Berliner Jamaika-Koalition will er auch nicht werden.

(Foto: dpa)
  • Seit Rot-Grün in Niedersachsen regiert, reformiert Christian Meyer die Landwirtschaft mit dem Anspruch des Weltverbesserers.
  • Der grüne Politiker verändert eine schwarze Domäne, die über Generationen zu einer Industrie-Landschaft gewachsen ist.
  • Meyer ist zur Reizfigur geworden. Die CDU stilisiert ihn zum Inbegriff des Fundis, mit dem eine Koalition undenkbar wäre.

Von Thomas Hahn, Hessisch Oldendorf

Christian Meyer steht am Abgrund. "Krass", sagt Niedersachsens Agrarminister, als er von der Kante des Steilhangs vorsichtig in die Tiefe schaut. Er genießt den Ausblick auf die üppige Waldlandschaft des Blutbachtals, die an diesem wolkenverhangenen Tag nicht nur herrlich ist, sondern auch ein Beispiel für die Nachhaltigkeitspolitik der Landesregierung.

Meyer ist Grüner und als Chef des Ressorts Landwirtschaft auch für die Wälder zuständig. Mit seinem Parteifreund Stefan Wenzel, dem Umweltminister, ist er ins Süntelgebirge gekommen, um die Vollendung eines Planes zu verkünden, die gerade noch vor den Wahlen am 15. Oktober gelungen ist. Nach langen Debatten hat Niedersachsen seine Naturwaldfläche von fünf auf zehn Prozent der Landesforsten erweitert. Im Süntelgebirge zum Beispiel werden von 2020 an zusätzlich 840 Hektar zur Wildnis. Dann wird dort kein Holz mehr geschlagen. "Das ist für die Landesforsten ein wirtschaftlicher Einschnitt", sagt Meyer, "aber für die Natur ist es ein großer Fortschritt."

Meyers Politik kommt bei vielen Bauern so gut an wie Heavy Metal zu Erntedank

Agrarminister Christian Meyer, 42, arbeitet am Comeback der Natur. Er tut dies mit einer Konsequenz, die ihn zu einem der umstrittensten Köpfe im niedersächsischen Wahlkampf macht. Meyer steht für eine Öko-Bewegung, die nicht nur gegen die rücksichtslose Geldgesellschaft protestiert, sondern gegen sie Politik macht. Teile der Landesforsten in Urwald zu verwandeln, ist dabei noch eine leichtere Übung. Seit Rot-Grün 2013 die Regierung übernahm, reformiert Meyer die Landwirtschaft mit dem Anspruch des Weltverbesserers, was bei vielen Bauern so gut ankommt wie Heavy Metal beim Erntedankfest.

Meyer verändert eine schwarze Domäne, die über Generationen zu einer in sich geschlossenen, einträglichen Industrie-Landschaft gewachsen ist. Niedersachsen ist das produktivste deutsche Agrarland. Wer hier den Ausstieg aus der Massentierhaltung betreibt wie Meyer, der rüttelt am Selbstverständnis vieler stolzer Bauern.

Kein Wunder, dass Meyer zur Reizfigur geworden ist. Die CDU stilisiert ihn zum Inbegriff des Fundis, mit dem eine Koalition undenkbar wäre. Spitzenkandidat Bernd Althusmann sagt: "Herr Minister Meyer hat zu stark polarisiert." Er spiele ökologische und konventionelle Landwirtschaft gegeneinander aus.

Und für das Landvolk Niedersachsen, den regionalen Bauernverband, beklagt Vizepräsident Albert Schulte to Brinke, dass in den vergangenen Jahren 25 Prozent der Sauenhalter wegen Meyer aufgegeben hätten. "Es nimmt den Bauern einfach den Mut, wenn man immer nur fordert, fordert, fordert, aber die Machbarkeit noch nicht gegeben ist." Als Beispiel nennt er Meyers Ringelschwanzprojekt. In der konventionellen Landwirtschaft schneiden die Bauern den Schweinen die Ringelschwänze ab, damit sie sich in ihren engen Ställen nicht anknabbern.

Meyer hat eine Prämie erlassen für unversehrte Ringelschwänze in tierfreundlicheren Ställen. Für Schulte to Brinke ist das Projekt gescheitert, weil sich zu viele Schweine trotz Beschäftigung und mehr Platz anknabbern: "Wir haben einfach noch keine Lösung für die Schweinehaltung ohne Schwänzekürzen." Meyer widerspricht: Im Schnitt seien 93 Prozent der Ringelschwänze an den beteiligten Höfen intakt geblieben. "Ein sehr gutes Ergebnis."

"Die Agrarwende ist alternativlos"

Meyer ruht in sich. Er ist ein großer, blasser Mann mit weichem Händedruck und sehr stabilem Selbstbewusstsein. In Halbschuhen und Jackett stapft er durch den Wald. Im morastigen Gelände zwischen den Bäumen wirkt er wie ein Fremdkörper - und doch auch irgendwie am richtigen Ort, so begeistert wie er sich der Natur zuwendet. Er redet schnell, er lächelt viel. Man ahnt, wie sehr er, der diplomierte Sozialwirt aus Holzminden, den praktizierenden Großbauern auf die Nerven geht als Mensch von der Uni, der sie nicht nur mit Besserwisserei quält, sondern auch mit einer Moral, die ihr Geschäft infrage stellt.

Agrarpolitik ist für Meyer nicht nur Dienst am Bauern, sondern auch am Verbraucher und an der ländlichen Lebenskultur von morgen. So sehr ihn viele konservative Landwirte verachten, so sehr setzen Menschen mit Bio-Bewusstsein Hoffnung in ihn. Seit Meyer im Amt ist, wächst nicht mehr die Massentierhaltung, sondern der Ökolandbau. Den Tierschutzplan, den schon Meyers CDU-Vorgänger Gert Lindemann aufgelegt hatte, hat er weitergeführt. "Wir haben den Einsatz von Antibiotika durch neue Behörden und Kontrollen halbiert. Wir haben den Düngeüberschuss halbiert." Meyer hatte ein Versprechen einzulösen: "Wir sind gewählt worden mit dem Thema ,andere Agrarpolitik'." 13,7 Prozent Stimmenanteil hatten die Grünen bei den Landtagswahlen 2013. Das verpflichtet.

In Niedersachsen stehen die alten Fronten noch

Meyer kann mehr als grüne Kampfrhetorik, das räumt selbst Schulte to Brinke ein. Aber der Minister legt es auch nicht darauf an, die Gemüter zu schonen, schon gar nicht in Wahlkampfzeiten. "Wenn ich Massentierhaltung meine, sage ich Massentierhaltung." Er weiß schon: Es war ungewohnt für die Bauern, erstmals einen grünen Agrarminister vor sich zu haben, "ein Kulturwandel". Aber er findet, dass neues Vertrauen entstanden ist. Und das Höfesterben? Sieht Meyer als bundesweites Problem, das vor allem Milchbauern wegen der schlechten Preise betreffe und viel mit der Politik des Bundesagrarministers Christian Schmidt (CSU) zu tun habe.

Die Abneigung der CDU gegen Meyer beruht auf Gegenseitigkeit. Er findet sie in Niedersachsen "total rückwärtsgewandt": "Sie hat Leute, die wollen zurück zum alten Massentierhaltungs-Hätscheln." Eine Koalition? Mit denen? Nicht vorstellbar. Er will auch nicht Bundesagrarminister in einer Berliner Jamaika-Koalition werden. Er macht Wahlkampf für Rot-Grün. Oder für Rot-Rot-Grün. Hauptsache, er kann auf Kurs bleiben. "Die Agrarwende ist alternativlos", sagt Meyer, "sie muss fortgesetzt werden."

In Niedersachsen stehen die alten Fronten noch. Grün ist grün, schwarz ist schwarz. Und Christian Meyer hat nicht vor, irgendetwas aufzugeben. Die Landtagswahl entscheidet für ihn über die Zukunft der Landwirtschaft: "Das ist das letzte Aufbäumen der Agrarlobby." Er will gewinnen, und er weiß, dass das mit matten Grün-Tönen nicht zu schaffen ist.

© SZ vom 07.10.2017/fued
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