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Landtagswahl in Niedersachsen:Entscheidung in der Tiefkühltruhe

Niedersachsen wählt - und das bei Temperaturen von bis zu minus elf Grad. Damit geht ein Wahlkampf zu Ende, der mitunter kuriose Momente enthielt. Da ging SPD-Frontmann Weil schon mal vor dem politischen Mitbewerber in die Knie, verlor CDU-Ministerpräsident McAllister sein Dauerlächeln und FDP-Chef Rösler vor Freude die Beherrschung.

Samstagabend um zehn, der Wind peitscht Flocken über den Raschplatz hinter dem Hauptbahnhof Hannover. Es ist fast menschenleer hier, zwischen Spielbank und Großraumdiskos, aus denen tiefe Bässe dröhnen. Im Halbdunkel steht ein oranges Zelt, aus dem sich eine schmächtige Gestalt löst. Eingemummelt mit Mantel und Mütze stapft der junge Mann mit einem Becher und einer Chipstüte heran. "Hier, was Heißes zu trinken und zu knabbern", sagt er. "Und morgen unbedingt wählen!". Der Glühwein ist lauwarm, der Snack heißt "Wahlmampf" und besteht aus den Buchstaben C, D und U.

Ein paar Kilometer weiter, in Hannover-Linden, eine Stunde später. In der Kneipe "Baradies" drängeln sich junge Leute, viele tragen Schlabberkleidung und T-Shirts. Bundestagsabgeordneter und Student sind nicht zu unterscheiden. Bier und Bionade kosten hier einen Euro, im Séparée drehen sich Raucher ihre Zigaretten selbst. Die meisten aber tanzen ausgelassen zur Musik, die eine Frau mit hellblonden Haaren auflegt. Die DJane hüpft wild herum und heißt Claudia Roth. Mit ihrer Parteichefin am Plattenteller feiern die jungen Grünen die Nacht vor dem Tag, auf den so viele hingefiebert haben.

Gespannt richten sich die Blicke der Republik an diesem Sonntag auf Niedersachsen, wo die Bürger einen neuen Landtag wählen - und womöglich über Karrieren in Berlin entscheiden.

Von der Gunst der 6,1 Millionen Wahlberechtigten hängt ab, ob die FDP ihren bislang glücklosen Vorsitzenden Philipp Rösler schasst. Niedersachsen könnte auch für die SPD den Ausschlag geben, über ihren patzenden Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück nachzudenken.

Stelldichein der Politprominenz

Auch für die anderen Parteien ist die Wahl zwischen Harz und Nordsee ein wichtiger Indikator für die Bundestagswahl im September. Die Union kann sich trotz der Affäre um Ex-Ministerpräsident Christian Wulff an ihrer Stärke ergötzen, sorgt sich aber gleichzeitig um die existenzbedrohten Liberalen.

Die Grünen nehmen nach ihrem Höhenflug 2011 erneut Anlauf, zur kleinen Volkspartei zu wachsen. Linke und Piraten bangen um den Einzug ins Leineschloss und auch in den Reichstag - die internen Querelen haben beiden Parteien zugesetzt. Dazu kommen die möglichen Verschiebungen im Bundesrat, falls es zu einem Regierungswechsel kommen sollte.

Und so ist es kein Wunder, dass fast alles, was in der Bundespolitik Rang und Namen hat, in den vergangenen Monaten in Niedersachsen aufgetreten ist. Die SPD bot neben dem aus Niedersachsen stammenden Parteichef Sigmar Gabriel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier fast die gesamte Spitzenriege auf, um Spitzenkandidat Stephan Weil zu helfen. Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel kam alleine in der letzten Woche vor der Wahl mehrmals, um Ministerpräsident David McAllister von ihrer Popularität profitieren zu lassen.

Die Grünen boten ihren baden-württembergische Landesvater Winfried Kretschmann auf. Und für die Linke zog nicht nur Vizeparteichefin Sahra Wagenknecht durchs flache Land, sogar der griechische Linksaußenführer Alexis Tsipras warb für den Wiedereinzug der Linken in den Landtag.

"Das ist ja total geil"

Für die FDP trommelten viele populäre Köpfe, selbst der liberale Übervater Hans-Dietrich Genscher ließ sich am Freitagmorgen kurz in Hannover blicken. Was er am Wahlabend mache, wurde der Ex-Außenminister gefragt. "Am Wahlabend trink' ich ein Bier auf Sie", antwortete Genscher, den FDP-Spitzenkandidaten Stefan Birkner anblickend. "Oder auch zwei", sekundierte der ebenfalls anwesende Parteichef Rösler. Eigentlich witzig, zum Lachen war dennoch niemandem zumute. Gerade war bekannt geworden, dass FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle die vorgezogene Neuwahl der Parteiführung fordert - eine Attacke auf den angeschlagenen FDP-Vorsitzenden.

Einen Tag später steht der Bundeswirtschaftsminister zur selben Zeit am selben Platz. Es ist kalt wie in einer Tiefkühltruhe, Rösler friert sichtbar in seiner abgewetzten Jeans. Gute Laune scheint er dennoch vermitteln zu wollen. "Wissen Sie schon, was sie wählen?", ruft er und eilt mit großen Schritten auf Passanten zu, um ihnen Broschüre samt gelb-blauem FDP-Kugelschreiber in die Hand zu drücken, später gelbe Rosen. So macht er das mit Eltern mit Kinderwagen, Frauen im Pelz. Das kommt durchaus gut an.

Länger spricht er mit einem älteren Mann, der in seiner leuchtend orangen Müllabfuhrkluft vor ihm steht. Dann taucht Ralph Lange auf und Rösler fällt ihm in die Arme: "Das ist ja total geil, dass du da bist", entfährt es dem Vizekanzler, der dabei wie ein Fünfzehnjähriger klingt. Lange, der in den Neunzigern die Jungen Liberalen (Julis) führte, ist extra aus Frankfurt angereist. Er bittet den Reporter noch, ein Bild zu machen von Rösler und ihm - und twittert es.