Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern:Hier trifft der AfD-Erfolg Merkel persönlich

Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Angela Merkel (CDU) hat in Stralsund ihr Wahlkreisbüro und verteidigt dort seit Jahren ihr Direktmandat für den Bundestag.
  • Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern muss die CDU genau in diesem Gebiet schmerzliche Verluste hinnehmen.
  • Die AfD holt drei Direktmandate - und lässt die Christdemokraten am Wahlabend zittern.

Von Luca Deutschländer

Als am Sonntagabend die ersten Hochrechnungen von der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern über den Ticker laufen, weilt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem G-20-Gipfel im chinesischen Hangzhou, rund 13 Flugstunden von Berlin entfernt. Eigentlich will sie mit den Staats- und Regierungschefs über die Weltwirtschaft sprechen. Doch bevor sie den Besprechungsraum betritt, zückt die Kanzlerin ihr Smartphone. Man weiß nicht, was sie sich dort auf ihrem Handy ansieht. Vielleicht liest sie eine Nachricht. Vielleicht wirft die Kanzlerin aber auch einen Blick auf die ersten Hochrechnungen aus Schwerin. Für die CDU, so viel ist schon um kurz nach 18 Uhr klar, verheißen diese nichts Gutes.

Dabei ist diese Landtagswahl für Angela Merkel mehr als eine normale Landtagswahl. In Stralsund liegt das Wahlkreisbüro der CDU-Vorsitzenden. Im Wahlkreis 15 tritt sie hier bei Bundestagswahlen an, holte immer wieder das Direktmandat - zuletzt 2013. Damals ließ Merkel mit gut 56 Prozent der Erststimmen die Vertreterinnen der Linken und der SPD deutlich hinter sich. Damit hatte sie ihren Vorsprung verglichen mit der Bundestagswahl 2009 um sieben Prozentpunkte ausgebaut. Doch die Stimmung im Land hat sich geändert. Dort, wo Merkel in den vergangenen Jahren gepunktet hat, drängt sich jetzt die AfD in eine der Hauptrollen.

Aus einem Bundestagswahlkreis werden acht Landtagswahlkreise

Dazu muss man wissen, dass Wahlkreise sich bei einer Bundestagswahl anders zusammensetzen als bei einer Abstimmung auf Landesebene. Wenn Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag wählt, werden aus "Bundestagswahlkreis 15" grob gesehen acht Landtagswahlkreise. Merkels Bundestagswahlkreis teilt sich im Wesentlichen auf den Landkreis Vorpommern-Rügen und in geringen Teilen auf den Kreis Vorpommern-Greifswald auf.

Etwa 223 800 Menschen leben in Vorpommern-Rügen, die Arbeitslosenquote im August lag bei 9,6 Prozent und damit leicht über dem Landesschnitt. Dabei fällt auf, dass die Arbeitslosigkeit in Merkels Bundestagswahlkreis höher ist als im Rest von Mecklenburg-Vorpommern. Das bedeutet Potenzial für die AfD.

Großes Thema der AfD im Landtagswahlkampf war die Zuwanderung. Im Kalenderjahr 2015 kamen nach Angaben des Landkreises insgesamt 3312 Flüchtlinge in den Landkreis Vorpommern-Rügen. Prozentual ist das kein großer Anteil. Und dennoch hat die AfD mit ihrer Kampagne gegen Zuwanderung offenbar punkten können. Deutlich wird das am Beispiel von Wahlkreis 29, der - wenn auch nur zu einem flächenmäßig kleinen Teil - zu Merkels Bundestagswahlkreis gehört.

Seit 1994 hat die CDU hier bei jeder Landtagswahl das Direktmandat geholt. Dreimal in Folge hatte Bernd Schubert sich zuletzt mehrheitlich die Wählergunst gesichert. 2016 werden die Christdemokraten sich an ein anderes Bild gewöhnen müssen: Nach Auszählung aller Wahlbezirke kommt der Wahlgewinner in Vorpommern-Greifswald II aus den Reihen der AfD. Matthias Manthei (31,6 Prozent) löst Bernd Schubert ab, der auf gerade 23 Prozent kommt. Nicht zu vergessen: die NPD. Trotz ihres Ausscheidens aus dem Landtag holt die rechtsextreme Partei im Wahlkreis 29 gut sechs Prozent der Zweitstimmen.

Doch das ist nicht der einzige Wahlkreis, in dem die Union im Laufe des Abends um ihr Direktmandat zittern muss. Auch in Wahlkreis 24, Vorpommern-Rügen II - Stralsund III, schafft die AfD aus dem Stand ein starkes Ergebnis. CDU-Mann Harry Glawe hatte hier vor fünf Jahren 49,9 Prozent der Stimmen geholt. Auch heute heißt der CDU-Kandidat Glawe. Doch sein Vorsprung ist eingeschmolzen. 42,8 Prozent hat Glawe mobilisieren können und damit sieben Prozentpunkte verloren. Auf dem zweiten Platz: AfD-Kandidat Frank Schenk, der aus dem Stand mehr als 21 Prozent der Wähler einsammelt.

Die CDU holt in Merkels Wahlkreis die meisten Direktmandate

Noch enger geht es im Nachbarwahlkreis 25 zu, wo der Kandidat der Christdemokraten wie schon 2011 Dietmar Eifler heißt. Gut 33 Prozent der Erststimmen hatte Eifler damals geholt. Heute sind es 26,7 Prozent. Nur: Ralf Borschke von der AfD kann das beinahe überbieten. Er holt 26,2 Prozent.

All das ändert nichts an der Tatsache, dass in Angela Merkels Bundestagswahlkreis weiterhin die meisten Direktmandate - fünf von acht - an die CDU gehen. Südöstlich ihres Wahlkreises sieht das anders allerdings aus. Dort, in den Wahlkreisen Vorpommern-Greifswald III und V, holt die AfD zwei weitere Direktmandate. Das ist - wie auch das Ergebnis der Wahl insgesamt - ein Indiz dafür, dass die CDU sich intensiv mit einer Partei rechts von sich beschäftigen muss. Auch Angela Merkel wird das wissen - wenngleich sie aktuell viele Kilometer entfernt über die großen Probleme dieser Welt diskutiert.

© SZ.de/pamu/kjan/odg
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