Der frühere grüne Außenminister Joschka Fischer galt noch nie als großer Verfechter innerparteilicher Diplomatie, sondern als Mann der klaren Ansagen. Und so viel lassen seine Ausführungen an diesem Tag im November erahnen: Mit 77 Jahren will er seinem Stil unbedingt treu bleiben. Okay, sagt Fischer, im Moment seien die Umfragen nicht so blendend. Dann macht er eine Kunstpause und blickt zu seinem Nebensitzer, Cem Özdemir, dem grünen Spitzenkandidaten für die baden-württembergische Landtagswahl am 8. März 2026. „Aber das ist nicht deine Schuld, sondern die der Bundes-Grünen.“
Fischer ist aus Berlin angereist, um auf dem Weingut Rux bei Stuttgart die erste umfassende Biografie über Cem Özdemir vorzustellen, sie trägt den Titel „Brücken bauen“. Natürlich soll Fischer bei der Gelegenheit Hoffnung machen auf einen Wahlsieg des Parteifreunds. „Wenn es einer schaffen kann, Cem, dann du.“ Aber dazu benötige Özdemir die notwendige Beinfreiheit. „Dass die Grünen ein schwieriger Laden waren und bleiben, das ist uns beiden klar.“ Es klingt, als wolle Fischer partout keine Brücken bauen in Richtung der Bundespartei.
Die Ampelregierung hat das grüne Image ramponiert
Özdemir nimmt die Vorlage zwar nicht auf, von ihm ist an diesem Nachmittag keine Kritik an den Berliner Kollegen zu vernehmen. Festhalten lässt sich aber: Er widerspricht Fischer auch nicht.
Seit 2011 stellen die Grünen in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten, bei der Landtagswahl 2021 kamen sie auf stolze 32,6 Prozent der Stimmen, sie wähnten sich bereits als Volkspartei neuen Typs. Geht es nach den Grünen, soll Özdemir 2026 Kretschmann beerben, der dann nicht mehr antritt. Doch vier Monate vor der Wahl liegen die Grünen mit 20 Prozent in den Umfragen nur auf dem dritten Platz, sehr weit hinter der CDU mit 29 Prozent, inzwischen auch knapp hinter der AfD (21 Prozent).
Es ist natürlich noch zu früh, um die Schuldfrage zu stellen. Aber die Lage ist doch so ernst, dass bei den Grünen in Berlin die Unruhe wächst. Die Ampelregierung hat das Image der Partei nachhaltig ramponiert. Das Gespenst der Verbotspartei ist seit dem misslungenen Heizungsgesetz zurück. Die Grünen in Berlin wissen, dass sie Özdemir in eine schwierige Lage manövriert haben. Dennoch wächst derzeit auch die Kritik am Kurs des Spitzenkandidaten und seines Landesverbands.
Besser, so glauben einflussreiche Grüne in Berlin, hätte es für ihn laufen können, wäre Baden-Württemberg nur dem Beispiel Niedersachsens gefolgt. Dort hatte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Mai seinen Posten an den jüngeren Nachfolger Olaf Lies übergeben. Deutlich vor der nächsten Landtagswahl und sogar gestützt vom Koalitionspartner Grüne. Doch in Stuttgart hat sich die Partei für einen anderen Weg entschieden, einen riskanteren: Kretschmann wird die Legislatur zu Ende bringen, während Özdemir ohne Amtsbonus in den Wahlkampf geht. Er muss sich nun an der Seite des Landesvaters um Aufmerksamkeit bemühen.
Der erhoffte Aufwind bleibt aus
Auch Özdemirs knallharte Abgrenzung zur Bundespartei, etwa beim Thema Verbrennerverbot, löst Irritationen aus. In Berlin gilt der Spitzenkandidat inzwischen als beratungsresistent. Besonders die Parteilinke warnt immer wieder davor, die Offensive der Linken vor der Landtagswahl zu unterschätzen. In den Städten drohten Verluste statt Gewinne, heißt es dort. Für eine erfolgreiche Wahl müsse Özdemir zudem die grüne Basis mit Klimathemen mobilisieren. Genau das aber vernachlässige er „brutal“, um im konservativen Lager zu punkten, sagt ein Mitglied der Bundestagsfraktion und warnt: „Was wir dort gewinnen können, drohen wir doch andernorts wieder zu verlieren.“
Die Nervosität wächst, denn der erhoffte Aufwind bleibt aus. Dabei ist die Bedeutung der Landtagswahl für die Grünen riesig. Deutschland steuert auf ein Superwahljahr mit gleich fünf Landtagswahlen zu. In Rheinland-Pfalz wollen die Grünen in der Regierung bleiben, in Berlin wieder hinein. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt geht es um die politische Existenz im Osten. Nirgendwo aber ist die Fallhöhe so groß wie in Stuttgart. Denn ob Özdemir den einzigen Ministerpräsidenten-Posten für die Grünen halten kann, setzt die Stimmung für alle Landesverbände. In Partei und Fraktion gilt längst als ausgemacht: Geht die Wahl schief, drohen neue Richtungsdebatten bei den Grünen. Dann würden wohl auch führende Köpfe infrage gestellt, heißt es in Berlin.
Und so versucht die Parteispitze, die Debatte um den Kurs zu entschärfen. „Richtig ist: Er macht manches anders“, sagt Grünen-Co-Chefin Franziska Brantner der Süddeutschen Zeitung. „Aber das muss er auch tun. Schließlich ist die Schwäbische Alb anders als Berlin-Kreuzberg“, sagt Brantner, die wie Özdemir zum Realo-Flügel gehört. „Er weiß, dass Stadt und Land sich gegenseitig brauchen. Er ist im ganzen Land unterwegs und wirft sich voll rein.“

Cem Özdemir wiederum zitiert gerne den Parteifreund Reinhard Bütikofer, der mal gesagt hat, die Grünen müssten Winfried Kretschmann nicht kopieren, aber kapieren. Als ein entscheidender Faktor für Kretschmanns Popularität gilt seine ultrapragmatische Politik, sein unbedingter Wille, sich im Zweifel stärker an der Mehrheitsmeinung und den Interessen der Wirtschaft auszurichten als am grünen Parteiprogramm.
So ermöglichte Kretschmanns Regierung 2014 im Bundesrat einen Asylkompromiss, der Serbien, Bosnien-Herzegowina und das heutige Nordmazedonien als sogenannte sichere Drittstaaten deklarierte. Damit konnten Asylanträge aus diesen Ländern fortan leichter als unbegründet abgelehnt werden. Kretschmanns Parteifreunde in Berlin schäumten, sogar von Verrat war die Rede. Seine Beliebtheit aber stieg. Mit der Zeit kultivierte Kretschmann die Distanz zur Bundespartei geradezu.
Özdemir, das darf man voraussetzen, zählt sich zu denen, die Kretschmann kapiert haben. Jedenfalls scheut er sich nicht vor Konflikten mit Parteifreunden. Mal fordert er das progressiv-liberale Lager in seiner Partei auf, die eigene Migrationspolitik zu überdenken, mal gibt er sich offener für ein späteres Verbrenner-Aus als grüne Bundespolitiker.
Die Konfliktlinien sind nicht so einfach aufzulösen, auch, weil sich die Grünen in einem strategischen Dilemma befinden. Einerseits muss Özdemir die Wechselwähler halten, die bei den Landtagswahlen zuletzt wegen Kretschmann die Grünen gewählt haben, bei Bundestagswahlen aber die CDU. Andererseits muss er aufpassen, dass die Grünen in den Uni- und Großstädten nicht massiv an die Linkspartei verlieren. Und schließlich will sich Özdemir den Baden-Württembergern als potenzieller Regierungschef empfehlen – und nicht den Parteifunktionären als Hüter der reinen Lehre. Schwierig.
Özdemir, so scheint es, setzt daher auf seine hohe Bekanntheit, eine maximale Personalisierung im Wahlkampf. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten läge Cem Özdemir laut Umfragen weit vor dem CDU-Kandidaten Manuel Hagel, bei der Parteienpräferenz dagegen liegt die CDU weit vor den Grünen. Joschka Fischer glaubt indes, dass der CDU ihre bundespolitische Performance schade. „Die CDU kämpft hart, damit du in eine bessere Position kommst, Cem“, sagt er auf dem Weingut. Er rate deshalb zu starken Nerven. „Das wird am Ende entschieden.“

