Lafontaine verzichtet auf Kandidatur Linke fressen Linke auf

Lange hat die Linke ihre inneren Widersprüche ignoriert, jetzt stellt Oskar Lafontaine die Partei vor eine Zerreißprobe: Sein Machtpoker ist gescheitert, er kandidiert nicht mehr für den Vorsitz. Nun bleiben zwei Möglichkeiten, um den rasanten Selbstzerstörungsprozess der Linken zu stoppen.

Ein Kommentar von Daniel Brössler, Berlin

Von der Mathematik unterscheidet sich die Politik unter anderem dadurch, dass sie keine exakt kalkulierbare Addition zweier Teile erlaubt. Davon zeugen Aufstieg und Fall der Linkspartei. Die Fusion aus PDS und WASG hat zunächst eine gesamtdeutsche Kraft geschaffen, die stärker war als die beiden Quellparteien. Davon ist heute wenig und bald vielleicht nichts mehr übrig. Eingesetzt hat ein rasanter Selbstzerstörungsprozess. Die beiden Teile ergänzen sich nicht mehr. Sie fressen einander auf.

Exemplarisch zeigt das die seltsame Geschichte des Kandidaten Oskar Lafontaine, der nun doch keiner mehr ist. Lafontaine, der so gerne wissenschaftlich an die Dinge herangeht, hat den für die von ihm mitgeschöpfte Partei lebensgefährlichen Prozess gewiss analysiert. Umso erstaunlicher war bis zum Dienstag sein Tun.

Er hatte der Partei ein als Angebot verbrämtes Diktat unterbreitet und war nur bereit, an die Spitze zurückzukehren, wenn Dietmar Bartsch, sein Rivale aus dem Osten, seine Kandidatur zurückzieht. Sein Kalkül war es, Bartsch und seine Unterstützer zu isolieren. Er behandelte sie als Sektierer, was erstens in unguter linker Tradition stand und zweitens an den realen Machtverhältnissen in der Partei vorbeiging. Zwar wünschen sich viele Mitglieder aus dem Osten eine starke Rolle des Saarländers mit seiner Wählerwirksamkeit im Westen - kaum aber zum Preis der Unterwerfung ihrer alten PDS.

Die Idee der Linken war es gewesen, zwei sehr unterschiedliche Geschichten fortzuschreiben zu einer Erfolgsstory: Hier die SPD-Renegaten, die Gewerkschafter und die Empörten im Westen; ihr Wunsch war es, den Sozialdemokraten von links Druck zu machen. Dort die Nachfahren der einstigen DDR-Staatspartei SED, zu guten Teilen ehrlich geläutert. Ihr Streben galt der Anerkennung als Kraft von bundesweiter Bedeutung. In der SPD sahen sie weniger den Gegner als den potentiellen Koalitionspartner.

Die Linkspartei konnte überhaupt nur entstehen, weil diese Widersprüche ignoriert, ausgeklammert wurden. Lafontaines Rückkehr an die Parteispitze hätte glücken können, wäre er bereit gewesen, den linken Selbstbetrug ein Weilchen fortzuführen. Das hätte einen Kompromiss mit Dietmar Bartsch ermöglicht. So hätte Lafontaine Bartsch erneut als Bundesgeschäftsführer akzeptieren können oder aber Bartsch den Vorsitz überlassen und sich selbst zur Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2013 bereiterklären. Lafontaine aber wollte die Entscheidung. Nun fällt sie vermutlich auch, wenn auch nicht in seinem Sinne.

Es gibt nach Lafontaines Rückzug zwei Möglichkeiten. Bartsch könnte sich durchsetzen und versuchen, die Linke als pragmatische Kraft und möglichen Partner der SPD zu etablieren. Das birgt das Risiko, dass der westliche Teil abstirbt. Oder aber es werden in einem Kompromiss erneut zwei schwache Vorsitzende gekürt. Dann droht der Partei keine Spaltung, aber Siechtum.