Lafontaine oder Bartsch:Linke ficht verschobenen Machtkampf aus

Lesezeit: 4 min

West gegen Ost, Radikale gegen Reformer, Lafontaine gegen Bartsch: Beim Führungsstreit der Linken geht es um mehr als Personalien - es geht um die Richtung der Partei.

Daniel Brössler, Berlin

Wenige Minuten, bevor Oskar Lafontaine eintrifft, singt die Gemeinde "Dank sei Dir, Herr". Für die Konferenz "Neue Kraft voraus! Für eine starke Linke" hat der Verein "Freiheit durch Sozialismus" einen Saal der Berliner Stadtmission gemietet. Nebenan in einer kleinen Kapelle wird, unbeirrt von den Sozialisten, Gottesdienst gefeiert.

Im Konferenzsaal erklärt Wolfgang Gehrcke derweil den gut 300 trotz herrlichen Frühsommerwetters versammelten Linken, warum sie zusammengetrommelt wurden. Man wolle, sagt er, "Rat abhalten in einer schwierigen Situation für die Partei".

Gehrcke ist ein freundlicher älterer Herr, der in jungen Jahren die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend und die Deutsche Kommunistische Partei mitbegründet hat. In der Linkspartei gehört der Bundestagsabgeordnete zu den zentralen Figuren des linken Flügels. "Wir machen", ruft Gehrcke in den Saal, "überhaupt keinen Hehl daraus: Wir wünschen uns Oskar Lafontaine wieder an der Spitze."

Das Timing ist wohl Zufall, aber just in diesem Augenblick betritt der Saarländer zusammen mit seiner Partnerin Sahra Wagenknecht den Saal. Frenetischer Beifall ertönt. Die Versammelten erheben sich. Es erschallen "Oskar, Oskar"-Rufe. Nachdem das Paar in der ersten Reihe Platz genommen hat, fährt Gehrcke fort. Lafontaine brauche, um seine Positionen bekannt zu machen, die Linke nicht. "Ich weiß aber, dass die Partei Die Linke Oskar braucht."

Genau darum geht es beim sonntäglichen Treffen. Die Linken unter den Linken scharen sich im Machtkampf zwischen Lafontaine und Dietmar Bartsch, dem anderen Anwärter auf den Parteivorsitz, hinter ihr Idol. Ein Stück "Ermutigung" für Lafontaine solle von dem Treffen ausgehen, sagt Gehrcke. Was danach kommt, fügt sich in das atemberaubende Spektakel, das die Linken seit einiger Zeit geben.

"Radikal sein - eine Auszeichnung"

Er dränge ja nicht danach, erläutert Lafontaine, wieder Spitzenkandidat zu werden und Parteivorsitzender. Er sei aber dazu bereit, "noch einmal zu kandidieren, wenn es gelingt, sich auf eine kooperative Führung zu einigen, in der alle aufs gegnerische Tor schießen und nicht auf das eigene". Es müsse aufhören, dass "etwa zehn bis 15 Personen" ununterbrochen nur Personaldebatten führten.

"Wer sonst nichts beizutragen hat, außer, dass unsere Partei schlecht ist, der soll doch lieber in Urlaub fahren". Lafontaine ist, das wird schnell klar, in Kampfeslaune. Er redet sich und seine Leute in Rage, stellt die Eigentumsfrage und ruft: "Radikal sein ist nicht ein negativer Stempel. Das ist eine Auszeichnung."

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