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Labour Party:Nach dem Brexit droht Labour die Katastrophe

Hat zwei Drittel seines Schattenkabinetts verloren: Labour-Chef Jeremy Corbyn, hier bei einer "Keep Corbyn"-Demonstration in London.

(Foto: AP)
  • Gut drei Viertel seiner Fraktion haben Labour-Chef Jeremy Corbyn das Misstrauen ausgesprochen; außerdem hat er zwei Drittel seines Schattenkabinetts verloren sowie mindestens 20 weitere wichtige Mitarbeiter.
  • Corbyn hatte nur halbherzig für den Verbleib Großbritanniens in der EU geworben.
  • Trotz des Misstrauensvotums will Corbyn seinen Posten behalten.
  • Sollte er dem Druck tatsächlich nicht nachgeben, dürfte er bei einer neuen Urwahl bestätigt werden, denn sein Rückhalt an der Basis ist groß.
  • Falls es zu Neuwahlen kommt, droht der zerstrittenen Partei eine Katastrophe.

Die Krise der britischen Labour-Partei ist so dramatisch, dass die Parlamentarier mittlerweile in zynischen Sprüchen Zuflucht suchen. Der beliebteste geht so: Erst demonstrativ auf die Uhr schauen, dann überrascht feststellen, "huch, es ist ja schon seit fünf Minuten niemand mehr zurückgetreten". Am Montag und am Dienstag war ein Rücktritt auf den nächsten gefolgt. Labour-Chef Jeremy Corbyn hat zwei Drittel seines Schattenkabinetts verloren, zudem mindestens 20 weitere Mitarbeiter, die wichtige Posten in der Partei innehatten.

Zwischen dem Chef und der Fraktion ist eine Auseinandersetzung entbrannt, die ein Abgeordneter als "Blutbad" beschrieb. Am Dienstag stimmten die Abgeordneten in geheimer Wahl darüber ab, ob sie Corbyn das Misstrauen aussprechen sollten, und am Abend wurde klar: Mehr als drei Viertel der Fraktion haben gegen den Chef gestimmt.

Die Revolution innerhalb der Partei ist in damit vollem Gange. Die Mehrheit der Fraktion stand dem Altlinken Corbyn von Beginn an skeptisch gegenüber. Völlig überraschend war er vor neun Monaten von der Parteibasis zum Vorsitzenden gewählt worden, als Anti-Establishment-Kandidat, und seither brodelt es beständig zwischen dem Chef und vielen Abgeordneten.

Nach dem Referendum über die EU-Mitgliedschaft ist der Konflikt offen ausgebrochen, weil weite Teile der Fraktion der Ansicht sind, Corbyn habe nicht genug dafür getan, einen Austritt aus der EU zu verhindern. Tatsächlich hatte er eher halbherzig für den Verbleib geworben, weil er in der EU-Mitgliedschaft auch Gefahren für die Rechte von Arbeitnehmern wähnte und die Union zumindest in Teilen als Projekt der Eliten ansieht. Er sei zu immerhin 75 Prozent pro-europäisch, sagte er während des Wahlkampfs. Der Ärger über Corbyns Zurückhaltung ist so groß, dass manche seiner partei-internen Gegner nun fragen, ob er wirklich, wie er sagt, für den Verbleib gestimmt hat.

Corbyn zeigte sich äußerlich unbeeindruckt von der Revolte. Nachdem ihm 20 Schattenminister von der Fahne gegangen waren, setzte er einfach 20 neue ein. Auf Forderungen nach seinem Rücktritt reagierte er nicht. "Er will es nicht wahrhaben", sagte der Abgeordnete Frank Field. Seine Kollegin Angela Eagle, vormals Labours Sprecherin für Wirtschaftsfragen, erzählte: "Oft antwortet Jeremy auf Fragen nicht. Er nimmt sie einfach auf."

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Angela Eagle gilt als mögliche Gegenkandidatin

Eagle gilt als mögliche Gegenkandidatin, falls es zu einer Kampfabstimmung über den Vorsitz kommt. Das gilt als höchst wahrscheinlich, da Corbyn nicht gewillt ist, sich dem Willen der Fraktion zu beugen. Seine Unterstützer verweisen darauf, dass er die Urwahl vor neun Monaten mit einem Rekordergebnis gewonnen habe und deshalb über ein starkes Mandat verfüge.

Dass es zu dem Misstrauensvotum kommen würde, war spätestens seit Montagabend klar, als die Fraktion zu einer äußerst lebhaften Sitzung im Parlamentsgebäude in Westminster zusammenkam. Corbyn eröffnete das Treffen damit, dass er auf seine Erfolge verwies. Er wurde dabei laufend von Zwischenrufen unterbrochen. Ein Abgeordneter wurde vom Sitzungsleiter ermahnt, er möge sich doch bitte mäßigen. "Ich mache damit einfach weiter", rief der daraufhin erbost.

Verschiedene Abgeordnete appellierten an Corbyn, von sich aus aufzugeben. Margaret Hodge, die das Misstrauensvotum initiiert hatte, sagte: "Ich appelliere an deinen Anstand: Tritt zurück! Das ist das Wichtigste, was du der Partei geben kannst." Es können keine angenehmen Momente für Corbyn gewesen sein, als anschließend ein Parlamentarier nach dem anderen seine Führungskraft in Frage stellte. "Du bist eine Bedrohung für die Zukunft der Partei", sagte einer. "Glaubst du wirklich, du könntest Premierminister sein? Ich glaube das nicht", rief ein anderer. Das waren im Vergleich noch die freundlichen Wortmeldungen.