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KZ-Überlebender Maurice Cling:"Für mich war Dachau wie ein Segen"

Zwei Tage später, auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Dachau: Die Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers geht ihrem Ende zu. Die Reden und Grußworte in einem großen Zelt sind gehalten; nun legen Bundespräsident Horst Köhler und andere Kränze für die Opfer nieder, die vielen Hundert Besucher der Veranstaltung verstreuen sich. Maurice Cling steht auf dem geschotterten Appellplatz, schaut in den schmutzig-grauen Himmel, einzelne Tropfen fallen herab. Er ist froh, dass auch russische Soldaten an der Feier teilgenommen haben; denn sie seien ja auch ein Teil der Anti-Hitler-Koalition gewesen, sagt er. Es regnet immer stärker, aber Cling will nicht zurück ins Zelt, er will draußen bleiben und erzählen.

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"Hier auf dem Platz lag ein Haufen mit Leibern": Maurice Cling in der Gedenkstätte Dachau im April 2010

(Foto: Oliver Das Gupta)

Cling: An dem Tag, als ich hier angekommen bin, lag viel Schnee. Wir gingen vom Bahnhof (Cling deutet in die Richtung, wo die Gleise endeten, hinter dem vergitterten Lagertor mit der eisernen Schrift "Arbeit macht frei"). Hier auf dem Platz lag ein Haufen mit Leibern. Ob es nur Tote waren oder auch Sterbende? Ich kann es nicht sagen, ich war doch selbst so erschöpft. Ich habe mich auf die Körper gelegt. Ein Mann mit roter Armbinde hat mich hochgezogen und in Richtung Baracken geschubst. Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte.

Das war wenige Wochen vor Kriegsende. Das Lager Dachau war damals überfüllt mit Häftlingen wie Ihnen, die aus anderen Lagern kamen. Seuchen grassierten, auch Sie erkrankten an Typhus und Tuberkulose.

Cling: Trotzdem: Für mich war Dachau wie ein Segen.

Wie das?

Cling: Die SS ließ uns meistens in Ruhe, wir wurden nicht geschlagen. Wir mussten nicht arbeiten, weil die meisten ohnehin sehr geschwächt und krank waren. Hier waren die alteingesessenen politischen Gefangenen relativ gut organisiert, uns wurde geholfen. Bei einem Appell bekam ich sogar einen Schemel, weil ich so entkräftet war.

Mit Verlaub: Diese Zustände waren brutal.

Cling: Dachau wirkte auf mich so, weil ich aus Auschwitz kam: Das war die Hölle auf Erden. Eltern und Bruder zu verlieren ist das Schlimmste. Und jede Minute musste man damit rechnen, ermordet zu werden. Ich möchte Ihnen ein Detail erzählen, das sehr aufschlussreich ist: In Auschwitz wurde man als Häftling verdinglicht. Beim Appell hieß es: "Achtung" (Cling legt die Arme an und streckt den Rücken durch). Und dann: "Augen rechts!" Das bedeutete: Wir mussten nach rechts unten sehen. Warum? Weil wir den SS-Männern nicht in die Augen blicken sollten. Das sollte uns Würde nehmen.

Und Ihren Peinigern deren verbrecherischen Taten erleichtern?

Cling: Sicher: Die SS-Männer sahen keine Menschen, sondern nur augenlose Masken. Später, als Sprachwissenschaftler, ist mir noch etwas aufgefallen: Die SS war angehalten, nicht von "Menschen" zu sprechen, sondern nur von "Stück". Verstehen Sie: Sie sagten "Tausend Stück", als ob wir Ziegelsteine oder Konservendosen wären. Das ist ein äußerst wichtiger Aspekt: Wie die Nazis die Sprache manipulierten, um die Häftlinge zu entmenschlichen. Denn Dinge haben ja keine Würde und keine Gefühle. Solche Details sind meiner Meinung nach mindestens so wichtig, wie die Bilder von Leichenbergen. Die Welt muss ihre Lehre aus Auschwitz ziehen. Dazu gehört Analyse und das passende Gedenken.

Empfanden Sie den Gedenkakt mit Präsident Köhler angemessen?

Cling: Die Reden waren gut, aber einiges hat mir gefehlt. Dachau war in erster Linie ein Lager für politische Häftlinge - und in den ersten Jahren nur für Deutsche. So wie es richtig ist, dass in Auschwitz die jüdischen Opfer im Zentrum stehen, so wäre es richtig, in Dachau mehr an die deutschen Opfer zu erinnern.

Der Schreiner Georg Elser, der Hitler 1939 mit einer Bombe töten wollte, wurde explizit erwähnt.

Cling: Aber warum hat niemand all die anderen erwähnt? Von 1933 bis 1939 sperrten die Nazis deutsche Sozialdemokraten, Kommunisten und andere politische Gegner ein. Es waren Deutsche, die schon vor Hitlers Machtergreifung gegen die NSDAP gekämpft haben. Ich habe den Eindruck, die Deutschen ehren hauptsächlich Stauffenberg und wenige andere wie Elser und die Geschwister Scholl. Aber es waren viele Tausende mehr! Die Deutschen täten gut daran, ihre Landsleute zu ehren, die Courage gezeigt haben und für ihre Überzeugung litten und starben.

Am morgigen 4. Mai wird Maurice Cling 81 Jahre alt.

Mitarbeit: Diane Gilly

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