bedeckt München
vgwortpixel

Terror in NS-Lagern:Wie ein Franzose schon 1946 das KZ-System erfasste

Elie Wiesel im KZ Buchenwald

Konzentrationslager Buchenwald, Baracke 56, am 16.04.1945, fünf Tage nach der Befreiung. In der zweiten Reihe von unten der spätere Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel (7.v.l.), der am 2. Juli 2016 in New York verstarb.

(Foto: NARA Harry Miller/dpa)

Die Schilderungen des Journalisten und befreiten Häftlings David Rousset wechseln zwischen nüchterner Analyse und plastisch-albtraumhaften Szenen. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Nur wenige Wochen nach seiner Befreiung diktierte der französische Journalist David Rousset seiner Frau einen Text, der zu den ersten überhaupt über die Welt der Konzentrationslager gehörte.

Er erschien etwa zeitgleich mit Eugen Kogons wegweisendem Werk über den SS-Staat. Roussets kurzer Text mit dem Titel L' Univers concentrationnaire erschien 1946 in Frankreich - erst jetzt ist er ins Deutsche übersetzt worden.

Kogon und Rousset, beide Häftlinge in Buchenwald - allerdings mit sehr unterschiedlicher Leidenszeit -, wollten nicht nur ihre Erfahrungen mit Hunger, Folter und Tod schildern, sondern das gesamte System der Lager erfassen.

Geschichte Die Entschlossenen vom Sonderkommando
KZ Auschwitz

Die Entschlossenen vom Sonderkommando

Jüdische Häftlinge mussten die Leichen aus den Gaskammern holen und verbrennen. Diese Gruppe wagte den Aufstand gegen die SS - und sie hinterließ einzigartige schriftliche Zeugnisse.   Rezension von Stephan Lehnstaedt

Während aber Kogon eine große soziologische Studie vorlegte, ging Rousset eher philosophisch-literarisch und mit klarem marxistischem Blick an die Sache heran.

Allein der sehr lange erste Satz seines Textes ist eine Wucht. Dort schildert Rousset (1912-1997) die 16 Monate seiner Gefangenschaft in Buchenwald, Neuengamme, im Außenlager Helmstedt und schließlich im Lager Wöbbelin bei Ludwigslust, wo er von den Amerikanern befreit wurde. Was wie eine harmlose Reisereportage beginnt, mündet in die Beschreibung einer Szene auf dem Appellplatz von Buchenwald:

"Männer ohne jede Überzeugung, hart und ausgemergelt; Männer, deren Glauben zerstört, deren Würde vernichtet war; ein ganzes Volk, von nackten, innerlich nackten, jeder Kultur und Zivilisation entblößten Menschen, mit Spitz- und Kreuzhacken, Hämmern und Schaufeln bewaffnet, an rostige Loren gekettet, zum Salzbohren, Schneeräumen, Betonmischen verdammt; ein von Schlägen gepeinigtes, von einem Paradies vergessener Speisen delirierendes Volk, die innere Spur der Zerrüttung - all diese Menschen in all dieser Zeit."

Der Lagerälteste warf Brot in die Baracke und prügelte los

Solche plastisch-albtraumhaften Szenen wechseln sich ab mit einer nüchternen und distanzierten Analyse der Organisation der Lager, der Art, wie die SS diese Todesstätten betrieb und - besonders eindrucksvoll - wie auch die Funktionshäftlinge am Terror beteiligt waren: hier die Aristokraten mit Gummiknüppeln, besten Verbindungen zur SS und zu Sonderrationen von Brot und Tabak, dort die Plebejer.

Wie eines Abends der Lagerälteste in Helmstedt einen Laib Brot in eine Baracke werfen lässt und danach alle, die sich darauf stürzen, verprügelt und Spaß daran hat, gehört zu den eindrücklichsten Szenen.

Einiges klingt in heutigen Ohren schwer nachvollziehbar, etwa wenn Rousset von der tragischen Komik des Lagerlebens spricht. Doch seine Bezugspunkte sind die Welt des Franz Kafka und das Theaterstück "König Ubu" von Alfred Jarry, und die Annahme ist nicht so abwegig, dass die "Entdeckung des Humors" vielen geholfen hat zu überleben.

David Rousset: Das KZ-Universum. Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Suhrkamp, Berlin 2020. 144 Seiten, 22 Euro.

Zu einem kompletten Bild des SS-Terrors fehlt bei Rousset natürlich vieles, was man heute weiß. Besonders schwerwiegend: das Nichterfassen der Vernichtung der Juden als Oberziel der späten Lagerwelt im besetzten Osteuropa.

"Unter den KZ-Menschen wohnte der Tod in jeder Stunde ihres Daseins", schreibt Rousset. Diese Erfahrungen der "KZ-Menschen" sei anderen Leuten nicht zu vermitteln, meinte er. Doch Rousset hat eine Sprache gefunden, die das Leid in diesem abgeschotteten "Reich", in dem sich der Mensch "Stück für Stück auflöste", wenigstens erahnen lässt.

David Rousset: Das KZ-Universum. Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Suhrkamp, Berlin 2020. 144 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 20.01.2020/odg
Geschichte "Der Staat ist auf dem rechten Auge blind oder er kneift es zu"
Interview

Holocaust-Überlebende Esther Bejarano

"Der Staat ist auf dem rechten Auge blind oder er kneift es zu"

Esther Bejarano überlebte Auschwitz und einen Todesmarsch. Mit der SZ spricht die Hamburgerin über ihre Befreiung und über die neue Gefahr von Rechts.   Von Oliver Das Gupta, Hamburg

Zur SZ-Startseite