KZ Auschwitz: Zeitzeugin Miková "Wie die wilden Tiere"

Wir kamen in eine Holzbaracke und blieben dort drei Wochen in Quarantäne. Die Haare wurden uns geschoren, wir mussten unsere Kleidung abgeben, bekamen stattdessen diesen gestreiften Kittel und Holzschuhe, keine Unterwäsche.

Wir hatten kein Handtuch, keine Seife, kein Toilettenpapier - nichts! Zu zehnt mussten wir uns eine Pritsche mit zwei schmutzigen Decken teilen. Zu zehnt haben wir einen Teller Suppe bekommen, Löffel gab es nicht dazu.

"Von Gaskammern hat man in Auschwitz gesprochen, wie vom guten oder schlechten Wetter" - Lisa Miková im Januar 2010

(Foto: Oliver Das Gupta)

'Ihr habt doch Finger", sagten die SS-Aufseherinnen, weil wir anfangs zögerten.

In unserer Baracke gab es Polinnen, die schon länger da waren. Die haben sofort mit den Händen in der Suppe herumgefischt, ein Stück Kartoffel, ein Stück Rübenschale.

"Wenn ihr nicht esst, geht ihr durch den Kamin"

Wir Neuankömmlinge sagten uns: 'Das machen wir nicht, so tief sind wir nicht gesunken.' Die Polinnen kamen dann angerannt und fragten: 'Wollt ihr eure Suppe nicht'. Sie stürzten sich darauf wie die wilden Tiere.

Nach drei Tagen kam eine Polin zu uns sagte: 'Passt mal auf, wir waren auch nicht gewohnt, so zu essen. Aber wenn ihr nicht esst, magert ihr schnell ab - dann könnt ihr nicht mehr arbeiten. Dann geht ihr durch den Kamin.' Danach haben wir auch so gegessen.

Wir haben sehr schnell erfahren, was dort passierte. Wir haben alles gesehen, gerochen und gehört, was man in Auschwitz erfahren konnte.

Auschwitz "Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte"
KZ-Überlebender Maurice Cling

"Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte"

Maurice Cling überlebte Auschwitz und einen Dachauer Todesmarsch. Ein Gespräch mit dem Pariser Professor über überwundenen Hass, den deutschen Widerstand und die Erinnerung an das Grauen.   Oliver Das Gupta

Da wurde nichts mehr beschönigt. Man war nicht bedacht darauf, etwas zu verheimlichen. Alles war roh, auch die Sprache. Es wurde niemand geschont, auch nicht die 14-, 15-jährigen Mädchen, vor deren Augen die Eltern zur Vergasung gebracht wurden.

Auschwitz war eine Stadt von Baracken, deren Bereiche man voneinander mit Stacheldraht trennte. Von Gaskammern hat man dort so gesprochen, wie vom guten oder schlechten Wetter. Die rauchenden Schlote - wir dachten zuerst, das seien die Fabriken, in denen wir arbeiten - waren die Schornsteine der Krematorien.