Kurdische Stadt in Syrien Vormarsch des IS in Kobanê scheint gebremst

  • Der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge haben Luftschläge der internationalen Koalition und die kurdische Offensive die vorrückende Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" in der syrisch-kurdischen Stadt Kobanê zurückgedrängt.
  • Mindestens 18 Menschen kommen bei Demonstrationen in der Türkei für den Schutz von Kobanê ums Leben. Der Druck auf die türkische Regierung nimmt zu.
  • Auch in deutschen Städten kommt es zu Ausschreitungen. Bei Gewaltausbrüchen zwischen Kurden und Islamisten in Celle und Hamburg werden mehrere Menschen verletzt.

Augenzeugen berichten von heftigen Gefechten

Die Lage in der von der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) eingekesselten syrisch-kurdischen Stadt Kobanê (arabisch: Ain al-Arab) wird immer dramatischer. Augenzeugen berichteten am Mittwoch von heftigen Gefechten in dem strategisch wichtigen Grenzort. Luftschläge der internationalen Koalition und eine kurdische Offensive haben die vorrückende Miliz in Kobanê aber offenbar vorerst gebremst. Kämpfer des IS seien aus Straßenzügen im Osten und im Südwesten der Stadt vertrieben worden, teilte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Miliz habe im Osten jedoch erneut angegriffen. Der kurdische Behördenvertreter Idris Nahsen aus Kobanê bestätigte ebenfalls, dass der IS teilweise zurückgedrängt worden sei.

Demonstranten beklagen mangelndes Engagement der Türkei

Die dramatische Lage der Stadt an der Grenze zur Türkei bringt die Regierung in Ankara zunehmend in Bedrängnis. Im kurdisch dominierten Südosten der Türkei kamen bei Demonstrationen für den Schutz Kobanês mindestens 18 Menschen ums Leben, wie örtliche Medien übereinstimmend berichteten. Die meisten der Opfer seien bei Zusammenstößen zwischen Islamisten und Anhängern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK getötet worden. Die türkische Regierung rief zum sofortigen Ende der gewalttätigen Demonstrationen auf. "Wir werden keine Toleranz gegenüber gewalttätigen Protesten zeigen", sagte der stellvertretende Ministerpräsident Yalcin Akdogan nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. Er wies Vorwürfe von Seiten der Demonstranten über mangelndes Engagement der Türkei zum Schutz von Kobanê als "große Lüge" zurück.

Bislang haben die an der Grenze stationierten türkischen Truppen nicht in die Kämpfe eingegriffen. Das Parlament in Ankara hatte der Regierung jedoch das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Erfasst werden dabei nicht nur der IS, sondern grundsätzlich auch kurdische Gruppen wie die PKK, die von der Türkei als terroristisch eingestuft werden.

Syrische Kurden bitten um Unterstützung

Die syrischen Kurden baten die internationale Gemeinschaft eindringlich um schwere Waffen. "Jeder sagt 'wir stehen Euch bei'", sagte der Ko-Präsident der syrischen Kurden-Partei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung Hürriyet Daily News. Kein Land unternehme dafür aber konkrete Schritte. Muslim forderte von der Türkei einen Korridor für Kämpfer der Volksschutzeinheiten (YPG), die in Enklaven östlich und westlich der vom IS umstellten Stadt Kobanê einsatzbereit seien. "Unsere bewaffneten Kämpfer in Afrin und Cizre warten darauf, sich den Kämpfern in Kobanê anzuschließen. Aber wir müssen türkisches Territorium nutzen, um diese Kämpfer nach Kobanê zu bringen." Nach wochenlangen Kämpfen waren IS-Dschihadisten am Montag in die für Kurden strategisch und symbolisch wichtige Stadt Kobanê eingedrungen.

Ausschreitungen in deutschen Städten

Der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird an diesem Donnerstag zu Gesprächen über den Kampf gegen IS in der Türkei erwartet. In Ankara will er unter anderem Erdogan treffen, wie das Verteidigungsbündnis mitteilte. Sollte die Terrormiliz IS von Kobanê in Richtung Türkei vorrücken, könnte Ankara den Bündnisfall ausrufen, der Nato-Partner zur Verteidigung der Türkei verpflichten würde.

Bei Zusammenstößen zwischen Kurden und radikalen Muslimen sind auch in Deutschland mehrere Menschen verletzt worden. In den Städten Hamburg und Celle sind mindestens 23 Menschen teils schwer verletzt worden, dutzende Verdächtige wurden vorübergehend festgenommen. In Hamburg standen sich im Stadtteil St. Georg jeweils etwa 400 Kurden und Islamisten gegenüber. Beide Gruppen waren zum Teil mit Schlagstöcken und Messern bewaffnet. In Celle kam es in der Nacht zum Mittwoch zu Ausschreitungen zwischen etwa 400 jesidischen Kurden und muslimischen Tschetschenen. Nur mit mehreren Hundert Beamten gelang es der Polizei, eine Massenschlägerei zu verhindern.

Linktipp: Warum engagieren sich die Türkei und die USA nicht stärker in Korbanê? Und was genau wollen die Kurden? Fragen und Antworten der SZ-Korrespondenten zur Schlacht um die Grenzstadt hier.