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Kurdische Demonstranten in der Türkei:Bloß nicht provozieren

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Mittlerweile eine Massenbewegung: Proteste in der Türkei. Auch Kurden beteiligten sich, allerdings auffällig still. 

(Foto: AFP)

Die Protestbewegung in der Türkei ist bunt. Auch Kurden wurden schnell ein Teil von ihr, waren aber trotzdem überraschend still. Sie stecken in einem Dilemma: Viele von ihnen hassen Erdoğan, aber sie brauchen ihn auch. Denn sie wollen Frieden.

Mittlerweile stehen sie überall, in der Küstenstadt Izmir, in der Hauptstadt Ankara, vor allem aber in Istanbul, auf dem Taksim-Platz: Männer und Frauen, minutenlang bewegen sie sich nicht, sie schweigen. Aus Protest gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seine Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Was als Protest gegen das Abholzen des Istanbuler Gezi-Stadtparks begann, ist mittlerweile eine Massenbewegung gegen Erdoğans autoritäre Herrschaft.

Für die meisten Türken war das Ausmaß der staatlichen Gewalt neu, die etwa 15 Millionen Kurden im Land sind Repression hingegen gewöhnt. Bei den aktuellen Protesten waren sie trotzdem - zumindest anfangs - überraschend still. Die Kurden stecken in einem Dilemma. Viele von ihnen hassen Erdoğan, aber sie brauchen ihn auch. Denn sie wollen Frieden.

Ministerpräsident Erdoğan ist möglicherweise der Mann, der das schaffen könnte. Nach Jahren des Krieges ist er auf dem besten Weg, den Konflikt mit der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK beizulegen. Viele Kämpfer haben die Türkei mittlerweile verlassen. Im Gegenzug sollen die Kurden in der Türkei mehr Rechte bekommen. Ein endgültiges Ende der Kämpfe war noch nie so nah.

"Sie wollen, dass der Friedensprozess weitergeht"

Ein geschwächter Erdoğan allerdings könnte die Kritiker einer Versöhnung stärken. "Und das wollen die Kurden verhindern", glaubt der Türkei-Experte Yasar Aydin von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Sie wollen, dass der Friedensprozess weitergeht."

Gleichzeitig wünschen sich viele Demonstranten, dass sich die protesterfahrenen Kurden stärker einbringen. "Wo sind die Kurden auf dem Taksim-Platz?", fragte vor nicht allzu langer Zeit der New Yorker. Tatsächlich waren die Kurden stets da, sie sind der internationalen Presse offenbar nur nicht aufgefallen. So war der selbsternannte Sicherheitschef des mittlerweile geräumten Zeltdorfs im Gezi-Park ein Kurde; und es war ein Vertreter der legalen Kurdenpartei BDP, der sich als Erster den Baggern in den Weg stellte, als die kamen, um Bäume auszureißen.

Das Bild von dem kräftigen Mann, der vor dem großen Bagger ganz klein wirkte, ging um die Welt. Sırrı Süreyya Önder ist mittlerweile eine Symbolfigur des Protests. Dass er Mitglied der Kurdenpartei ist, stört die wenigsten.