Süddeutsche Zeitung

Kurden:Unter Freunden

Die Türkei nennt die kurdischen YPG-Kämpfer - und wollte erreichen, dass die Nato das auch tut. Doch die verweigert sich dem Ansinnen - mit guten Gründen.

Mit seinem Satz, der Terrorist des einen sei der Freiheitskämpfer des anderen, hat Ronald Reagan ein wohl zeitloses Bonmot geschaffen. Der Ausspruch galt zu Amtszeiten des früheren US-Präsidenten, als die Amerikaner die Contras in Nicaragua und die Mudschahedin in Afghanistan in deren Kampf gegen von der Sowjetunion gesponserte Regimes unterstützten. Und bezogen auf Syrien passt er auch heute. Zum Ringen um die Deutungshoheit über den türkisch-kurdischen Konflikt im Nordosten des Landes sogar so gut, als wäre er extra für ihn geprägt worden.

Seit Jahren bezeichnet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan das kurdische Projekt dort als "Terrorzelle". Seine Aussage zum Auftakt des Nato-Gipfels, das Militärbündnis solle seine Haltung zur kurdischen YPG-Miliz übernehmen und somit die türkische Invasion dort unterstützen, ist nur die jüngste einer langen Reihe ähnlicher Forderungen. Unterstützer sehen in der "Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien", wie sich das kurdisch dominierte Gebiet entlang der türkischen Grenze selbst bezeichnet, jedoch ein Freiheitsprojekt - wegen ihrer basisdemokratischen Ausrichtung, ihrem für die Region ungewöhnlichen Eintreten für Gleichberechtigung und Säkularismus.

Ein Bild, das den Kurdenführer Öcalan beim Baden zeigt, dient den Türken als Beweis

Dass Erdoğan damit wenig anfangen kann, ist eine Sache. Wichtiger ist für ihn jedoch: Viele der Führungskader in Nordostsyrien haben ihre Karrieren bei der in der Türkei als Terrororganisation verbotenen kurdischen PKK begonnen. Porträts von deren Führer Abdullah Öcalan sind dort allgegenwärtig, sie wurden etwa auf dem zentralen "Paradiesplatz" in Raqqa gehisst, als die Stadt eingenommen war. Dass sie aus den PKK-Verstecken im Nordirak noch heute Befehle erhalten, bestreiten die syrischen Kurden jedoch vehement. Türkische Medien halten diesen Dementis gerne ein Foto entgegen. Es zeigt den in der Türkei zu lebenslanger Haft verurteilten Öcalan beim Schwimmen, hinter ihm, in leichter Unschärfe, planscht sein Adoptivsohn. Ferhat Abdi Şahin trägt heute einen anderen Namen und statt Badehose Uniform. Als Mazlum Kobanê befehligt er die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die der US-geführten Anti-IS-Koalition als Fußtruppe dienten.

Doch auch die Kurden, die im Westen durch ihren Einsatz bei der Zerschlagung des Terrorkalifats den Ruf von heldenhaften Befreiern errangen, sehen sich nun von Terroristen bedroht. Wie schon bei der Invasion in den kurdischen Kanton Afrîn im Nordwesten Syriens stützt sich Ankara auch bei seiner "Operation Friedensquelle" auf syrische Freischärler. In manchen arabisch besiedelten Gebieten mögen die Kämpfer willkommen geheißen werden - ihre jüngere Vergangenheit ist jedoch genauso wenig wegzudiskutieren wie die der kurdischen Kader. Bevor sie der von Ankara finanzierten "Syrischen Nationalen Armee" beitraten, kämpften manche von ihnen in dschihadistischen Gruppen, manche wohl sogar für die Terrormiliz IS. Fotos und Videos, in denen diese Söldner mit IS-Symbolen und passenden Gesten und Gesängen in die Schlacht gegen "kurdische Ungläubige" zogen, dürften auch Frankreichs Geheimdiensten aufgefallen sein - und zu Emmanuel Macrons Bemerkung geführt haben, dass die Türkei in Syrien "mit IS-Stellvertretern kooperiert". Also mit Terroristen.

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Quelle:
SZ vom 05.12.2019
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