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Kurden in Syrien:Der Verrat

Aus dem Bauch heraus entscheidet Donald Trump, die kurdischen Verbündeten der USA in Nordsyrien ans Messer zu liefern. Eine Tragödie in Bildern.

Von Moritz Baumstieger

Immer wieder hatte er gedroht. Doch dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine Ankündigung wahr machen und in die Kurdengebiete im Nordosten Syriens einmarschieren würde, war für viele undenkbar: Eine zu enge Partnerschaft schien die USA und die kurdischen Milizen zu verbinden, die 2017 gemeinsam die IS-Hauptstadt Raqqa befreit hatten und im Frühjahr 2019 die letzten Überbleibsel des Terrorkalifats auf syrischem Boden zerstörten. Zu instabil erschien zudem die Lage, um ein Wiedererstarken des IS ausschließen zu können, zu hoch die Gefahr, dass eine neue Flüchtlingswelle die Region destabilisiert. Doch dann kam der 6. Oktober 2019.

In einem Telefonat mit Erdoğan entschied Präsident Donald Trump spontan, die Soldaten der USA aus dem Nordosten Syriens abzuziehen. Größere Truppenkontingente waren dort nie stationiert - doch die Präsenz des Nato-Partners hatte die Türkei von einem Angriff abgehalten.

Und so brach der Krieg über eines der letzten Gebiete Syriens herein, das bisher weitgehend verschont geblieben war. Als das von den Rebellen bedrängte Assad-Regime 2013 seine Kräfte aus dem Osten des Landes abzog, bauten die Kurden dort eine Selbstverwaltung auf. Weil sie Frauenrechte betonten, strikten Säkularismus lebten und möglichst viel Macht lokalen Räten übertrugen, begeisterte der "Rojava" genannte Protostaat Linke und Utopisten rund um die Welt. Weil dieses Modell aber auf den Ideen des in der Türkei zu lebenslanger Haft verurteilten Abdullah Öcalan beruhte und viele Führungskader eine Vergangenheit in dessen Arbeiterpartei PKK hatten, brandmarkte Erdoğan es als Terrornest, das er nie an seiner Grenze akzeptieren würde. Und so startete schon drei Tage nach dem Telefonat mit Trump die Offensive auf Nordsyrien, ihr Name: "Operation Friedensquelle".

© SZ vom 01.12.2019
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