Türkei und Kurden im Irak:Die Geschichte schlägt Volten

Nicht nur Kurden haben für den Kurden gestimmt, Demirtaş war auch für Türken wählbar. Das ist ebenfalls eine Premiere. Es läuft also gut für die Kurden - und dies nicht nur in der Türkei. In Syrien haben sich dortige Kurden mit PKK-Sympathien und entsprechender Unterstützung ein eigenes Territorium freigekämpft.

Nun trainieren sie dort Freiwillige aus der Volksgruppe der Jesiden, damit diese ihre irakische Heimat gegen die Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) verteidigen können. Es waren auch die in 30 Jahren Guerilla-Krieg erprobten PKK-Verbände, die Tausende Jesiden jüngst vom Todesberg Sindschar retteten.

Unter der Bedrohung durch die IS-Kämpfer haben sich sonst tief zerstrittene irakisch-kurdische Peschmerga und PKK-Kommandanten gar vor Kameras versöhnt. Ob die Allianzen halten werden, weiß keiner, denn die politische Landschaft bleibt unübersichtlich.

Eigentlich sollen PKK-Kämpfer Verstecke verlassen

In Syrien haben Kurden auch schon gegen die Freie Syrische Armee gekämpft, die den Diktator Baschar al-Assad beseitigen will. Die Türkei will dies auch, deshalb hat sie eine Zeit lang radikalen Islamisten einen Rückzugsraum geboten. Nun haben Kurden und Türken einen gemeinsamen Feind: die IS-Terroristen. Die vernebeln auch manchem jungen Türken den Kopf und haben Istanbul mit Anschlägen gedroht.

Auch im Nordirak möchte die Türkei lieber keinen Kurdenstaat. Da ist sich die Regierung in Ankara mit dem deutschen Außenminister einig. Dennoch hilft die Türkei den nordirakischen Kurden nun dabei, Öl zu exportieren - gegen den Willen Bagdads. Nach dem Motto: Es ist besser, sich mit den Nachbarn gut zu stellen, als überall Feinde zu suchen. Bis zu dieser Erkenntnis hat es lange gedauert in der Türkei, und sie ist noch längst nicht an allen Grenzen umgesetzt.

Eigentlich sollten die PKK-Kämpfer von September an ihre Verstecke in den türkischen Bergen und im Irak verlassen. Ankara lockt mit Amnestien und Arbeitsplätzen. Ihre Waffen sollten die Kämpfer auch abgeben. Nur: Die einstigen kurdischen Störenfriede werden gerade als Rettungstruppe jenseits der türkischen Grenzen gebraucht. Womöglich werden sie für ihren Feuerwehreinsatz später etwas heute Undenkbares verlangen: Freiheit für Öcalan. Die Geschichte schlägt Volten, und wer nicht aufpasst, hat die nächste Wende schon verpasst.

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