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Interview am Morgen: Fukushima:"Nach der Katastrophe habe ich mich nur bemüht weiterzuleben"

Futaba, Japan, 10 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima

Takako Yoshida hatte früher am Bahnhof von Futaba einen beliebten Imbiss. Nun ist sie auf einem Bild in den Ort zurückgekommen.

(Foto: Thomas Hahn)

Futaba wurde durch die Atomkatastrophe von Fukushima zur Geisterstadt. Mit einem Kunstprojekt erwecken ein ehemaliger Bewohner und ein Unternehmer die verwaisten Gebäude zum Leben.

Interview von Thomas Hahn, Futaba

In der Geisterstadt sind die Mauern bunt. Man kann sie nicht übersehen, wenn man am Bahnhof von Futaba in der japanischen Präfektur Fukushima aussteigt. Dort, wo bis März 2020 noch der Evakuierungsbefehl infolge des Nukleardesasters im nahe gelegenen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi galt und immer noch keiner wohnen kann, lacht jetzt eine Frau von einer Häuserwand. Auf dem Gemäuer daneben zeigt eine Hand auf den Schriftzug "Here we go". Väter des Kunstprojekts sind der Koch und frühere Futaba-Bewohner Jo Takasaki, 39, sowie der Graffiti-Unternehmer Takato Akazawa, 39.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Herr Takasaki, Herr Akazawa, wie sind Sie darauf gekommen, Futabas verlassene Häuser zu verschönern?

Jo Takasaki: Ich wusste, dass es Kunstprojekte zur Wiederbelebung von Städten gibt. Dann habe ich Takato getroffen. Er war Gast in der Kneipe, die ich zwischenzeitlich in Tokio führte.

Takato Akazawa: Ich saß am Tresen und habe getrunken. Wir kamen ins Gespräch. Das war im Juni 2020. Jo sagte, dass im März der Evakuierungsbefehl für die Gegend rund um den Bahnhof in Futaba aufgehoben worden sei, und da kam in mir wieder diese Idee auf, die ich schon früher hatte: Ein Motiv mit absteigenden Balken wie in den Coronavirus-Diagrammen, über die sich ein Romeo zu seiner Julia hinunterbeugt. Je tiefer die Balken sinken, desto näher kommen sich Romeo und Julia. Ich dachte, das könnte man in einem Katastrophengebiet umsetzen. Aber ich war mir nicht sicher, deshalb blieb die Idee in meinem Kopf. Bis ich Jo traf.

Takazaki: Wir hatten ähnliche Anliegen.

Akazawa: Das Thema hier ist, ein Gefühl von Fröhlichkeit zu vermitteln. Es soll nicht um Erdbeben, Katastrophe oder Atomkraftwerk gehen. Sondern um etwas Schönes. Mit Bildern von Einheimischen kann man dieses Gefühl besonders gut vermitteln. Wir haben Leute ausgesucht, die uns froh machen.

Zum Beispiel Takako Yoshida, die früher am Bahnhof einen beliebten Imbiss hatte.

Takasaki: Takato hat zugehört, wie ich mit Naoto, einem Schulfreund, über das alte Futaba und über Mama Yoshida sprach. Da sagte er, die wäre doch geeignet für eine Mauer im jetzigen Futaba.

Akazawa: Naoto und Jo waren damals zwei freche Jungs. Mama Yoshida war immer voller Energie und hat sie manchmal geschimpft. Wir haben uns gefragt, wie wäre das, wenn ihr Gesicht vom Bahnhof aus zu sehen wäre? Dann müsste ich lachen, hat Naoto gesagt. Obwohl dieser Platz eigentlich ein trauriger Ort ist.

Takasaki: Naoto hatte einen Kontakt zu Mama Yoshida. Sie wohnt heute in Kazo, Präfektur Saitama. Sie war sofort dabei. Sie fällt gerne auf.

Futaba, Japan, 10 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima

Wer Futaba als Kleinkind nach der Fukushima-Katastrophe verlassen musste, hat kaum mehr eine Erinnerung an den Ort.

(Foto: Thomas Hahn)

An der Westseite des Hauses daneben sieht man das Lachen eines Jungen im Kleinkindalter. Auf der Frontseite des Hauses ist er als Zwölfjähriger in einem Rückspiegel zu sehen. Was hat das zu bedeuten?

Akazawa: Man sagt über Futaba oft, hier sei die Zeit stehen geblieben. Aber der kleine Junge ist groß geworden in den vergangenen zehn Jahren. Alle haben sich bemüht weiterzuleben, das wollte ich abbilden. Erst wollten wir den Jungen einfach als Zweijährigen und als Zwölfjährigen zeigen. Aber dann kam uns eine neue Idee. Der Junge hat ja keine Erinnerung an Futaba, weil er so klein war, als er den Ort verlassen musste. Der Vater hat ihm von der Stadt erzählt. Der Junge sagte, er wolle auch mal nach Futaba. Das hat den Vater gefreut. Also zeigen wir den Jungen als Zwölfjährigen im Rückspiegel seines Vaters, der ihn im Auto durch Futaba fährt und durch die Windschutzscheibe ins Stadtbild zeigt.

Und die Hand, die neben dem Bild von Frau Yoshida zu sehen ist, stammt von Ihnen, Herr Tasaki. Wollten Sie Ihr Gesicht nicht zeigen?

Takasaki: Das habe ich nicht gesagt. Aber mein Gesicht wurde nicht gemalt.

Wie planen Sie das Kunstprojekt weiter?

Akazawa: Wir haben keinen Plan. Für uns ist das "Wow" wichtiger als das "How". Normalerweise ist für uns Japaner das Wie immer sehr wichtig. Aber wir wissen nicht, wie man diese Stadt wiederaufbauen kann, deshalb kümmern wir uns erstmal um das Wow. Wenn wir das richtig machen, kommt irgendwann das How von alleine.

Hatten Sie einen Bezug zu Futaba?

Akazawa: Gar nicht.

Aber zu der Dreifach-Katastrophe schon? Weil jeder Japaner einen Bezug dazu hat?

Akazawa: Ich war damals in Osaka. Als ich die Nachrichten sah, dachte ich, etwas Krasses ist passiert. Das ist vielleicht etwas naiv, trotzdem: Das war mein Gedanke. Vielleicht hat das einen tieferen Sinn, dass einer wie ich an so einem Projekt arbeitet, der mit Futaba nichts zu tun hat. Wenn man die Folgen der Katastrophe überwinden will, ist es egal, wer woher kommt. Wir halten zusammen und schauen in die Zukunft.

Herr Takasaki, wie verarbeiten Sie das Trauma des Erdbebens und seiner Folgen?

Takasaki: Gleich nach der Katastrophe habe ich mich nur darum bemüht weiterzuleben. Dabei habe ich gemerkt, dass es mir guttut, etwas für andere zu tun. Ich habe den Einschnitt als Chance gesehen, wieder von null anzufangen.

Futaba, Japan, 10 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima

Der frühere Bewohner Futabas Jo Takasaki (links) und der Graffiti-Unternehmer Takato Akazawa vor dem Bild der Hand Takasakis. "Here we go", heißt es auf dem Schriftzug hinter ihnen.

(Foto: Thomas Hahn)

In den nächsten Jahren sollen wieder Menschen in Futaba leben dürfen.

Takasaki: Ich kenne niemanden, der hierher zurückkommen möchte.

Sie selbst wollen auch nicht?

Takasaki: Kommen und Bleiben sind zwei unterschiedliche Dinge. Für mich ist es unmöglich, hier wieder hinzuziehen. Grundsätzlich ist das ein sehr langfristiger Plan, hier wieder richtig leben zu können. Wir müssen mehrere Stufen nehmen, Schritt für Schritt. Dafür ist es wichtig, hierherzukommen. Und wir können Anlässe bieten, durch die die Leute kommen.

Was denken Sie über die Kernkraft?

Akazawa: Man muss sich genau überlegen, wo man ein Kraftwerk hinbaut. Und wenn es eine Alternative gibt, muss man diese umsetzen. Wenn man auf erneuerbare Energien umstellen könnte, wäre das vernünftig. Man muss Unfälle vermeiden, die man nicht rückgängig machen kann.

Takasaki: Ich bin mit der Kernkraft aufgewachsen. Das Kraftwerk war schon da, als ich geboren wurde. Meine Eltern haben hier als Köche gearbeitet. Schon mein Großvater war in Futaba eine etablierte Größe. Wir hatten hier ein gutes Leben. Auch wegen des Kernkraftwerks. Dann haben wir alles verloren. Wenn man aus der Kernenergie aussteigen kann, muss man das tun. Ich kann verstehen, dass das Land das nicht sofort kann. Aber nachdem Japan diesen Unfall erlebt hat, müsste es eigentlich aussteigen.

Sind Sie wütend wegen der Katastrophe?

Takasaki: Nein. Ich habe viele Freunde, die für den Kraftwerksbetreiber Tepco gearbeitet haben. Wenn wir die Atomkraft nicht gewollt hätten, hätten wir die Chance gehabt, dagegen anzugehen. Das haben wir Einheimische damals nicht gemacht. Das heißt, wir tragen auch einen Teil der Verantwortung.

Dolmetscherin: Sachiko Suga

© SZ/gal
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