Kunst zum Rekordpreis:Trophäe der Oligarchen

Der Verkauf eines angeblichen Da-Vinci-Gemäldes drückt keine Wertschätzung für das Werk aus. Die Kunst gerät so für Superreiche zum Unterscheidungs­merkmal.

Von Kia Vahland

So vieles kann man tun mit 450,3 Millionen Dollar. Den Hunger in Jemen, im Südsudan, in Somalia, Nigeria lindern etwa, dafür veranschlagte das Internationale Rote Kreuz vor einiger Zeit 400 Millionen Dollar. Oder in Berlin 30 Schulen, allesamt komplette Sanierungsfälle, zu zeitgemäßen Lernorten machen. Auch eine mittelgroße Philharmonie, wie die in Paris, bekäme man für dieses Geld.

Stattdessen bezahlte ein Unbekannter, vielleicht auch ein Konsortium, 450,3 Millionen Dollar auf einer Auktion in New York für ein kleinformatiges Christusgemälde. Der "Salvator Mundi", Weltenretter, soll von dem Renaissance-Meister Leonardo da Vinci stammen. Nun gibt es tatsächlich Kunst, die von unschätzbarem Wert ist. Es sind Werke aus allen Kulturen, die das Sehen, Denken, Fühlen der Menschheit geprägt haben, durch die sie wurde, was sie ist. Zweifelsohne gehören Gemälde Leonardo da Vincis in diese Kategorie, etwa das Abendmahl in Mailand oder die Mona Lisa im Louvre. Also erscheint es erst einmal folgerichtig, dass ein neu entdecktes Werk Leonardos einen Ausnahmepreis erzielt, der alle bisherigen Auktionsrekorde übertrifft.

Doch dieser Preis bildet gerade keine Wertschätzung für die Kultur ab. Vielmehr zeigt er, wie sehr sich der Reichtum im globalen Maßstab verselbständigt hat. Geld kann nicht mehr nur alles kaufen, es kann auch mitbestimmen, was der Rest der Welt für richtig oder falsch hält. Das schlichte Christusgemälde hat wenig gemein mit den großen menschenfreundlichen Ideen der Renaissance. Es ist nach Meinung unabhängiger Experten vielleicht ein Bild von Leonardos Gehilfen oder Nachfolgern, nicht aber gänzlich von ihm selbst. Eine kaum bedeutende Holztafel also wurde in einer beispiellosen PR-Kampagne wider besseren Wissens zum Meisterwerk verklärt, damit ein Milliardär oder eine Gruppe Superreicher nun mit dem ultimativen Statussymbol angeben kann.

In der Welt mancher Oligarchen bezweckt Kunst nicht Erkenntnis oder Selbstbesinnung und ist auch kein Mittel, um die Welt zu einer humaneren zu machen. Sondern sie ist allein dafür da, sich abzusondern von allen anderen, also der Gesellschaft. Denn kaum etwas ist so rar wie ein Meisterwerk Leonardo da Vincis in Privatbesitz. Den Hunger nach solchen einmaligen Werken bedient ein immer hochpreisigerer internationaler Markt. Bei Bedarf finden sich hier auch Möglichkeiten für Geldwäsche und Steuerhinterziehung. So tauchten in den von der SZ veröffentlichten Panama Papers wertvolle Gemälde auf, die in Steuerfreihäfen versteckt werden, andere befinden sich in Offshore-Firmen.

Wer Kultur zur Privatsache macht, zerstört ihre Grundlage

Wichtige Kunstwerke verschwinden so in der Unsichtbarkeit. Andere, wie der "Salvator Mundi", sind nicht so wichtig, werden aber aus monetären Gründen zu Hauptwerken der Menschheit hochgedeutet. Das kann nur gedeihen, weil es ja tatsächlich einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, wie bedeutend Kunst und Kultur für das Zusammenleben sind. Dieser Konsens ist in Museen zu besichtigen, die allen zugänglich sind, er ist in Bibliotheken nachzulesen, wird auf Theaterbühnen aufgeführt. Er handelt vom Gemeininteresse, das Kultur trägt und ausmacht. Kunst ist deshalb so stark, weil sie in ihrer Geschichte und Gegenwart nicht nur für den Einzelnen da war und ist, sondern über die Jahrhunderte vielen dient.

Diesen Anspruch der Öffentlichkeit auf eine Kunst für alle gilt es nun gegenüber den sehr vermögenden Nutznießern zu verteidigen. Wer die Kultur zur absoluten Privatsache erklärt, sie auf ihren Handelscharakter reduziert, aus ihr ein Mittel der Unterscheidung macht, zerstört letztlich die Grundlage dieser Kultur. Er verkennt, dass sich Kunst eben nicht in ihrem Geldwert erschöpft, ja, dass sie niemandem, auch nicht Gutwilligen je alleine gehören kann. Sie braucht das Gespräch von vielen, die sich in ihr wiedererkennen oder auch nicht. Leonardo da Vincis originale Werke sind auf Dialog ausgerichtet, sie verlangen ihren Betrachtern ab, sich mit ihnen und der Welt auseinanderzusetzen. Deshalb gehören sie in einem demokratischen Staat in öffentliche Museen - die dann auch ernsthaft die Qualität prüfen.

Wer Kunst und Kultur finanziell unterstützen möchte, kann etwas für das Gemeinwohl tun, kann Werke Museen leihen oder schenken, Literatur und Musik, Theaterstücke und Filme fördern. Dies einzufordern ist Sache der Bürgerinnen und Bürger, und es ist Sache des Staates, Mäzene mit einer entgegenkommenden Steuergesetzgebung zu ermutigen. Man muss, wie es jetzt in New York geschehen ist, die Preistreiberei nicht noch bewundern. Was gut ist, entscheidet die Gesellschaft, nicht das Geld.

© SZ vom 17.11.2017
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