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Kunst im öffentlichen Raum:Visionen aus Sperrholz

Holzfernsehturm in Dresden

Am Montag stellte der Kabarettist Uwe Steimle seinen Fernsehturm mit Halbmond auf dem Neumarkt auf, am selben Tag verschwand er wieder.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Der Denkmal-Protest vor der Dresdner Frauenkirche geht in die dritte Runde. Der Kabarettist Uwe Steimle stellt sein Werk "Rischdsche Gunsd" vor.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Ein ganz normaler Frühlingsmontag in Dresden, das Grau drückt vom Himmel, Segways surren im kriegerischen Verbund durch das, was Stille sein könnte, ein Vogel scheißt auf den bronzenen Lutherkopf am Neumarkt vor der Frauenkirche. So vergehen zäh die Minuten, bis eine Irritation ins Bild tapert, ein kleiner Mann mit Hut und Sachsen-farbiger Krawatte. Bei sich trägt er eine rosa Hitsche, so und nicht anders werden hier Fußbänke benannt. Der Mann hat auch eine in Sperrholz gesägte Silhouette des Dresdner Fernsehturms dabei, ein Halbmond krönt die Spitze. Die Menschen jubeln: "Uwe, Uwe!"

So beginnt die dritte Runde einer neuen Dresdner Spezialität, die seit Kurzem auf dem Neumarkt aufgeführt wird. In Runde eins ließ der Künstler Manaf Halbouni drei Busse senkrecht aufstellen, um an den Krieg in Syrien zu erinnern. Es gab hässlichen Protest. Seit knapp drei Wochen steht Folgekunst im öffentlichen Raum. Das "Denkmal für den permanenten Neuanfang" besteht aus einer rosa benebelten Hebebühne, das Stangen- und Körper-Durcheinander darauf sieht irgendwie betrunken aus. Es gab auch dagegen hässlichen Protest, speziell gegen die geplante Standzeit sowie deren vereinzelte Begründung: zwei Jahre sei kein Tag zu lang, die Dresdner bräuchten gewiss eine Weile, bis sich ihnen der Geist des Denkmals erschließe.

Dagegen nun zieht der Kabarettist Uwe Steimle ins gepflasterte Feld, er sieht in der gegenwärtigen Kunst am historischen Markt eine Bevormundung, die er kommentieren möchte. Steimle ist zum einen eine Ikone volkssächsischen Humors, er ist zum anderen zuletzt immer wieder mit drastischen und teils irrlichternden Aussagen über "die Obrigkeit" aufgefallen und was er sonst noch für verkommen hält. Das macht ihn gegenwärtig zu einer Ikone speziell derer, die sich in grundsätzlicher Weise forhohnebibelt fühlen, so und nicht anders wird es hier benannt, wenn sich jemand zum Narren gehalten fühlt. Steimle sucht nicht unbedingt die Nähe zu diesen Fans, er lässt sie jedoch zu. Am Montag spricht er davon, sein Werk "Rischdsche Gunsd" sei ein Gegendenkmal, auch ein "Fühlmal", es gehe ihm um weite Herzen und es gehe am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, um: nie wieder Krieg. "Wenn's um den Weltfrieden geht, kann man gar nicht besorgt genug sein", sagt Steimle. Diese Botschaft dringt nur durch als eine von vielen. Zu den anderen gehört die Deutung im Beobachtungsrund, Steimles Werk deute an, der ebenfalls streitumflochtene Dresdner Fernsehturm werde erst renoviert, "wenn die Muslime in der Überzahl sind". Zu den anderen Botschaften gehört auch eine gewisse Verachtung von Kunst überhaupt. Die Werke I und II waren von einigen als "Schrottkunst" bezeichnet worden, nun fordert Steimle per Flugblatt zu Nummer III auf: "Entscheiden Sie: ist das Kunst oder kann das auch auf den Neumarkt?"

Diese Frage stellt sich nicht mehr, der Turm verschwindet am selben Tag. Am Rand des Neumarktes wächst da schon die nächste Kunstkritik. "Bald soll ja noch ein Flüchtlingsboot hierhin kommen", deutet eine Frau einer anderen. Antwort: ein scheeler Blick, und eine Nachfrage der Kategorie sicher-ist-sicher: "Aber nur symbolisch, oder?"

© SZ vom 09.05.2017

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