Süddeutsche Zeitung

Kür von Hillary Clinton:US-Demokraten: E-Mail-Skandal überschattet Parteitag

Lesezeit: 3 min

Von Wikileaks publizierte E-Mails zeigen, wie Funktionäre gegen Bernie Sanders intrigierten. Also muss die Parteichefin abtreten - und ein Clinton-Berater hat den Schuldigen schon gefunden: Wladimir Putin.

Von Matthias Kolb, Philadelphia

Der Spitzname der großartigen Stadt Philadelphia, in der sich Tausende Delegierte der Demokraten versammeln, passt sehr gut zum beginnenden Parteitag: "City of Brotherly Love". Der Zweikampf zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders war verbissen, und viele der leidenschaftlichen Bernie-Fans benötigen sehr viel brüderliche und schwesterliche Liebe, um sich irgendwie an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie für die Ex-Außenministerin stimmen müssen, um Donald Trump zu verhindern.

Obwohl der 74-jährige Senator vor knapp zwei Wochen explizit zur Wahl von Clinton aufgerufen hat, ist die Stimmung unter Amerikas Progressiven weiter angespannt - und hat sich am Wochenende noch mal verschlechtert. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat knapp 20 000 interne E-Mails von Angestellten des Democratic National Committee veröffentlicht - die Datenbank kann jeder nach Suchbegriffen durchforsten.

Und die #DNCLeaks belegen, was Sanders-Fans seit Monaten argumentieren: Die Funktionäre der Partei und die Vorsitzende Debbie Wasserman Schultz hatten klare Sympathien für Hillary Clinton und agierten nicht unparteiisch. So überlegten DNC-Mitarbeiter, ob sie vor den Vorwahlen in West Virginia und Kentucky Gerüchte streuen sollten, dass Sanders kein Jude, sondern ein Atheist sei. Bei den sehr gläubigen Menschen dort könnte es einen Unterschied machen, wenn sie denken, "dass er an keinen Gott glaubt".

Andere E-Mails zeigen, dass die DNC-Pressestelle noch im Mai überlegte, wie man Reporter überzeugen könne, Artikel mit dem Tenor "In der Sanders-Kampagne herrscht Chaos" zu schreiben. Dass andere Nachrichten zeigen, wie Debbie Wasserman Schultz (alle nennen sie DWS) um privilegierte Tickets für das Blockbuster-Musical "Hamilton" bittet, rundet in den Augen vieler das Bild einer elitären und auf den eigenen Vorteil bedachten Funktionärin ab.

Einen Tag kann Wasserman Schultz, eine Abgeordnete aus Florida und Clinton-Fan seit 2008, sich noch im Amt halten, dann ist der Druck zu groß. Die Parteivorsitzende leitet den gesamten Parteitag, führt durch das Programm und ruft Abstimmungen auf. DWS wäre permanent von einem Großteil der Bernie-Fans ausgebuht worden, so dass nun die als ausgleichend geltende Donna Brazile das Amt übergangsweise übernimmt.

Gefährden die DNC-Leaks den Kompromiss zwischen Clinton und Sanders? Die Bernie-Fans, die in Philadelphia für ihren Helden und den Kampf gegen Klimawandel demonstriert haben, sind nicht schockiert. "Es bestätigt, was wir immer wussten", sagt Colin aus Oakland.

Ihn ärgert eher, wie kumpelhaft der Ton zwischen Reportern und dem DNC war. Auf dem Schild des 31-Jährigen steht "Bernie Forever": Er hofft, dass sich die Bewegung nicht auflöst. Er kann verstehen, dass Sanders zur Wahl von Clinton aufruft: "Ich wähle sie nicht. Bei mir in Kalifornien, da gewinnt Hillary sowieso. In einem swing state würde ich es tun, um Trump zu verhindern."

Der Wahlkampfchef wird in einer E-Mail als "verdammter Lügner" bezeichnet

Dieses Argument überzeugt Ryan und Brandy nicht. Das Ehepaar ist aus Baltimore nach Philadelphia gereist, und beide wollen am 8. November für die Grünen-Kandidatin Jill Stein stimmen - sollte Sanders nicht irgendwie selbst antreten. Auch sie zucken eher resigniert mit den Schultern, als es um die E-Mail-Leaks geht: Sie hielten die Funktionäre um DWS nie für unabhängig.

Der Wunsch, dass der selbsternannte "demokratische Sozialist" als Unabhängiger ins Rennen geht, wird sich nicht erfüllen. Sanders nennt den Rücktritt von DWS per Statement "richtig" und fordert, dass die Parteiführung im Vorwahlkampf künftig unparteiisch bleibe, "was 2016 nicht geschah". Dass es für Sanders nicht gereicht hat, frustriert viele seiner Anhänger, aber die meisten wissen, was Wahlkampfchef Jeff Weaver (er wird in den E-Mails als "verdammter Lügner" bezeichnet) sagt: "Das hat uns nicht die Nominierung gekostet."

Bernie Sanders gehört neben First Lady Michelle und der linkspopulistischen Senatorin Elizabeth Warren zu den Hauptrednern des ersten Abends. Der Fokus seiner Rede und die Reaktion des Publikums wird Aufschluss geben, wie tief die Gräben bei den Demokraten sind. Sie wollen dem düsteren Cleveland-Parteitag der Republikaner eine deutlich optimistischere Antwort geben - und Geschlossenheit wäre dafür sehr sehr wichtig.

Für den Republikaner Donald Trump, der die freihandelskritischen Sanders-Wähler sehr offen umwirbt, kommen die DNC-Leaks wie gerufen. Die E-Mails passen zu seinem "Gaunerin Hillary"-Narrativ, und so spottet er via Twitter über das Chaos bei der politischen Konkurrenz.

Aus dem Lager von Hillary Clinton war zunächst wenig in Sachen #DNCLeaks zu hören - sie kündigt per Mitteilung nach dem Rücktritt ihrer "langjährigen Freundin" an, dass sie Wasserman Schultz helfen wolle, wiedergewählt zu werden (Sanders sammelt hingegen Spenden für den DWS-Herausforderer).

In den Augen von Robby Mook, Clintons Wahlkampfmanager, ist es jedoch kein Zufall, dass die geleakten Nachrichten direkt vor Beginn des Parteitags publik werden. Wie die Washington Post im Juni berichtet hatte, haben russische Hacker das Netzwerk des DNC geknackt und unter anderem alle über Trump gesammelten Informationen ("opposition research") kopiert.

Russlands Präsident Wladimir Putin, so Mooks Vermutung, wolle dem Republikaner so einen Gefallen tun und Clinton schaden. Diese Darstellung wies Paul Manafort, Trumps Wahlkampfchef, umgehend zurück.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3093429
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/mane
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.