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Künste in Quarantäne:Unbezahlbarer Verlust

Deutschland droht derzeit das Abhandenkommen einer einzigartigen, vielfältigen Kulturlandschaft. Die Politik muss nicht nur den großen Häusern, sondern auch den freischaffenden Künstlern finanzielle Unterstützung zusagen.

Kunst liebt Krisen. Erst die aussichtslose Lage schafft Helden und Tragödien, entlarvt Opportunisten und Feiglinge, kurz: zeigt den Menschen in Bestform und in aller Verworfenheit. Das Opernpublikum, die Leser oder Kinobesucher aber staunen - und erkennen sich selbst.

In Deutschland - und wahrscheinlich in vielen anderen Ländern - werden sie dazu demnächst deutlich weniger Gelegenheit haben. Dass die Republik nicht dieselbe sein wird, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist und die Schulen wieder öffnen, wird mit jedem Tag deutlicher. Aber während das Augenmerk der Bürger noch auf der Suche nach Hygieneartikeln und jenes der Politik auf dem Überleben großer Konzerne liegt, droht einem Bereich der Kollaps, der für Deutschland mindestens so prägend ist wie Hygiene und Autos. Die einzigartig vielgestaltige, weltweit beneidete Kulturlandschaft der Republik schwebt in höchster Gefahr.

Kinos, Theater und Opernhäuser sind geschlossen, ebenso Literaturhäuser und Museen, Festivals und Konzerte abgesagt. Schließlich gaben auch die Passionsspiele in Oberammergau auf und setzten die Proben aus.

Die Passionsspiele sind auf 2022 verschoben, sie werden überleben. Für viele freie Theater, freischaffende Schauspieler, Regisseure oder Musiker, für Buchhändler, Kinos oder Galerien sind die Aussichten deutlich düsterer. Viele haben jahrelange Selbstausbeutung betrieben, ohne je Rücklagen bilden zu können. Sie haben es gern getan, weil Geld in der Kunst dann doch oft Mittel und nicht Zweck ist. Sie haben mitgewirkt an jenem tief gestaffelten, unnachahmlich dichten Gespinst an Kunst und Kultur, mit dem Deutschland sich der Welt stolz präsentiert hat: von den großen Nationaltheatern über kleine Performance-Ensembles bis zu den kleinsten Klubs in Berlin.

Ohne Zuschauer und Einnahmen werden die großen Häuser leiden, aber ihre Finanzierung und die ihrer Angestellten sichert der Staat. Existenzgefährdend aber sind diese Tage für alle Freischaffenden, Unabhängigen, Selbständigen, Privaten. Selbst wenn sie das Virus überstehen, droht das Ende von Projekten, Einrichtungen oder künstlerischen Laufbahnen, für die sie Jahrzehnte gearbeitet haben.

Die benachbarte Kulturnation Frankreich will Theater, Tanz und Gesang, Buch und Kunst mit 20 Millionen beispringen, hat das Kulturministerium erklärt. Auf so gezielte Unterstützung warten die deutschen Kulturschaffenden, und ob sie dann den Freischaffenden zugute kommt, ist offen. 250 000 Menschen haben eine Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen, befristet auf sechs Monate, unterschrieben. Es wäre ein Anfang. Denn vielen helfen Kredite nicht. Wer kein Einkommen hat und in Zukunft selbst im besten Fall nur ein winziges haben wird, kann keine Schulden begleichen.

Die Nöte der Künstler sind mehr als persönliche Schicksale, sie haben Folgen für eine "Kulturnation", die sich über die eigene Diversität und Toleranz in vielen Bereichen zwar Illusionen hingibt, im Kulturellen aber tatsächlich globaler und moderner ist als viele andere Länder. Noch ist das Vertrauen verblüffend groß, dass alle ausgesetzten Grundrechte, alle Einschränkungen der Freiheit mit dem Ende der Krise selbstverständlich wieder in Kraft treten. Selbst wenn es so wäre - und eine Garantie dafür hat niemand -, stünden die Deutschen in einem ärmeren Land.

© SZ vom 20.03.2020
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