Künftiger Bundespräsident Der Gauck, den sie riefen

SPD und Grüne werden noch staunen, wen sie da zum Präsidenten erkoren haben. Denn Joachim Gauck räumt der Freiheit größeren Wert ein als der Solidarität. Nicht nur die SPD sieht das anders - auch ein bedeutsamer Teil der Bevölkerung. Konflikte mit dem geltungsbewussten Theologen scheinen programmiert zu sein.

Ein Kommentar von Susanne Höll

Noch freuen sich Sozialdemokraten und Grüne über den Erfolg ihres Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck. Erstens, weil er, wenngleich im zweiten Anlauf, tatsächlich der erste Mann im Staate wird; und zweitens, weil seine Kür der zuletzt so unangreifbar scheinenden Kanzlerin Angela Merkel eine schmerzhafte politische Blessur versetzt hat.

Joachim Gauck propagiert auch im Staatsamt seine persönliche Freiheitsliebe mit dem ihm eigenen Geltungsbewusstsein. Hier bei einer Preisverleihung im Jahre 2009, bei der er die Festrede hielt. Im Hintergrund das großformatige Bild eines DDR-Grenzsoldaten aus der Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha.

(Foto: dpa)

Die Freude der Gauck-Erfinder könnte aber ziemlich schnell in Ärger umschlagen - dann nämlich, wenn der ostdeutsche Theologe auch im Staatsamt seine persönliche Freiheitsliebe mit dem ihm eigenen Geltungsbewusstsein propagiert und damit nicht nur Sozialdemokraten und Grüne, sondern auch deren Anhängerschaft provoziert.

Aus den grünen Reihen kommt bereits die erste Kritik an Äußerungen des Präsidenten in spe, von denen in den vergangenen Tagen manche unvollständig zitiert, andere aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Die SPD schweigt - noch. Doch zahlreiche von Gaucks Gedanken, über die einstigen Montagsdemonstrationen und die rot-grünen Arbeitsmarktreformen, über Zuwanderung und die Errungenschaften des Sozialstaats - sie alle sind geeignet, diese Ruhe alsbald zu stören. Der künftige Präsident, das weiß man, räumt der Freiheit größeren Wert ein als der Solidarität. Die SPD sieht das tendenziell bekanntlich anders, und mit ihr ein bedeutsamer Teil der Bevölkerung. Konflikte scheinen deshalb programmiert zu sein.

Solche Auseinandersetzungen aber können dem Land und seiner Diskussionskultur durchaus von Nutzen sein, vorausgesetzt, sie werden klug ausgetragen. Eher als ein Sozialdemokrat könnte ein Präsident Gauck die hartleibigen Kritiker der Hartz-Reformen überzeugen, dass die trotz zahlreicher Härten dem Land genutzt haben.

Als Präsident spricht er eben nicht mehr nur für sich

Ein deutsches Staatsoberhaupt wird im 21. Jahrhundert kaum darauf verzichten, öffentlich über Gerechtigkeit zwischen den Generationen nachzudenken. Wenn es zum Beispiel um die Rente mit 67 geht, werden Sozialdemokraten im Disput mit Gauck sehr gute Gründe anführen müssen, warum aus ihrer Sicht künftig die Jungen eigentlich die größte Last einer alternden Gesellschaft tragen sollen. Gauck wird im Schloss Bellevue zu Widerspruch herausfordern. Wer ihm klug entgegnen will, muss seine Gedanken vorher ordnen.

Das gilt allerdings auch für den künftigen Präsidenten. Wenn ihm daran gelegen sein sollte, die Kluft zwischen Staatsbürgern und politischer Klasse zu schließen, sollte er die Parteien nicht fünf Amtsjahre lang strapazieren, und die Bürger schon gar nicht. Viele jener Deutschen, die von den Politikern und deren Arbeit inzwischen nichts mehr erwarten, sehnen sich nicht nach mehr Freiheit, sondern nach mehr Sicherheit in einem mittlerweile oft unberechenbaren Leben. Das mag Gauck persönlich anders sehen. Aber als Präsident spricht er eben nicht mehr nur für sich. Sondern für alle Bürger.