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Juso-Chef:Kühnert traut sich selbst viel zu

Es gibt einen Abend, der viel über den Kühnert verrät. Es war Anfang Juli, ein milder Sommerabend in München. Die Jusos veranstalteten ihren "Linkswendekongress" in der Alten Kongresshalle oberhalb der Theresienwiese. Viele der rund 600 Teilnehmer wünschten sich damals noch, dass Kühnert selbst kandidieren würde. Kurz zuvor hatte der Spiegel eine Titelgeschichte über ihn veröffentlicht: "Sprengkommando Kühnert".

Der Hoffnungsträger sitzt in der ersten Reihe und eröffnet den Kongress mit seiner Rede. Radikal, sagt Kühnert, seien nicht die Jusos, sondern die Verhältnisse auf dieser Welt: "Wir finden es radikal, wie ungleich Vermögen verteilt ist. Wir finden es radikal, wie diese Welt Raubbau an ihren Lebensgrundlagen begeht", ruft er in den Saal und bekommt dafür viel Applaus.

Der Abend verrät deswegen so viel über ihn, weil er offenbart, dass nicht nur Kühnerts Anhänger Hoffnung in ihn setzen. Auch er selbst traut sich viel zu. Nach seiner Rede, bei Bier und Fleischsemmel, ist er sehr auskunftsfreudig, auch zur Frage, ob er denn wirklich für den Vorsitz kandidieren wolle. "Ich mache jetzt erstmal Urlaub. 14 Tage Alpe-Adria-Trail mit Rucksack. Da werde ich darüber nachdenken." Jemand, der sich diese schwere Aufgabe überhaupt nicht zutraut, antwortet jedenfalls nicht so.

Kühnert gilt kommunikationspolitisch als größtes Talent

Nach dem Urlaub entschloss er sich dagegen. "Ich habe mich nicht in der Rolle des Kandidaten gesehen", sagt er mit etwas Abstand. Doch selbst nach der Mitgliederbefragung der SPD fragt die Bild-Zeitung, ob Kühnert in der Lage ist, die Kanzlerin zu stürzen. Was beweist, schon mit 30 Jahren ist dieser Mann eine riesige Projektionsfläche.

Sozialdemokraten, selbst aus der ersten Reihe, sagen: Kevin Kühnert sei vor allem kommunikationspolitisch ihr größtes Talent. "Ich sehe ihn in den Fußstapfen von Gerhard Schröder und Andrea Nahles", sagt einer aus dem Parteivorstand, der noch anfügt: "Ich kann ihn mir sehr wohl für den Parteivorsitz vorstellen, in ein paar Jahren." Er habe eine besondere Gabe, Dinge auf den Punkt zu bringen und schrecke vor Konfrontationen in Streitgesprächen nicht zurück. Klar, man muss mit ihm nicht einer Meinung sein, wenn es um den Sozialismus, die Groko oder sein Sozialstaatskonzept geht. Aber seine Furchtlosigkeit und Kompetenz wird parteiübergreifend anerkannt.

Was fehlt ihm also noch? Sozialdemokraten, die große Stücke auf Kühnert halten, raten ihm, sich von der Frage, ob Groko ja oder nein, zu emanzipieren. Der Mann aus dem Parteiverstand mahnt: "Er braucht ein Thema jenseits von NoGroko".

Das Problem scheint Kühnert auch erkannt zu haben. Für ihn ist dabei die Glaubwürdigkeit der entscheidende Faktor. Und die meint er in der Sozialpolitik zu haben. "Natürlich könnte ich mich auch ins Thema Landwirtschaft einarbeiten und wüsste in zwei Wochen vielleicht auch ein paar schlaue Sachen dazu zu sagen, aber das würde mir niemand abkaufen", ist er überzeugt. Am neuen Sozialstaatskonzept der SPD hat er schon zusammen mit der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, und Arbeitsminister Hubertus Heil mitgeschrieben.

Wer so vielen Menschen als Projektionsfläche dient, wie Kühnert, hat aber nicht nur Fürsprecher, sondern auch Gegner. Selbst und vor allem in der eigenen Partei.

Manche Genossen werfen Kühnert Personenkult vor

Der noch amtierende Parteivize Ralf Stegner wirft Kühnert vor, eigene Interessen vor das Wohl der Partei zu stellen. "Ich-bezogene Aktivitäten, wie ich sie gerade in der SPD erlebe, sind nicht hilfreich", sagte Stegner, nachdem Kühnert bekannt gab, für den Vorstand kandidieren zu wollen.

Andere Genossen werfen Kühnert und seinen Jusos ebenfalls Personenkult vor. Dem Jugendverband würde die inhaltliche Ausrichtung fehlen: "Wo ist denn die Kampagne der Jusos zur Mindestauszubildenvergütung? Wo stehen die Jusos, wenn draußen Fridays for Future demonstrieren?", fragt ein Vorgänger Kühnerts als Juso-Bundesvorsitzender. Kühnert selbst gibt zu: "Also Klima haben auch wir ganz schön verpennt. Da brauchen wir gar nicht drumherum reden."

Schließlich wäre da eben noch die Frage, warum es der SPD so schlecht geht, warum sie bei 13 Prozent in den Umfragen steht. Viele, vor allem aus dem rechten Parteiflügel, haben den Eindruck, die Partei mache sich ihre Erfolge madig. Und Kühnert sei die Speerspitze, derjenige, der in den beiden letzten Jahren am meisten quer schoss.

Der Beschuldigte entgegnet darauf, dass die Leute aus dem Parteivorstand, mit denen er zusammenarbeiten würde, bestätigen könnten, dass er sich "sehr kollegial" verhalte. Auch wenn er inhaltlich nicht immer einer Meinung sei, so sei er doch ein verlässlicher Partner.

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