GlosseDas Streiflicht

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Die Gegenwart hält wenig Erbauliches für die Menschen bereit – immerhin beweisen Kühe beim ersten Weidegang, dass es so etwas wie Glück noch immer geben könnte.

(SZ) Jedes Jahr, wenn es Frühling wird, landet der Berner Biobauer Christian Tüscher einen Internet-Hit. Er braucht nur eine Alltagsszene dafür: Seine Kühe kehren nach der Stallsaison ins Freie zurück. Diese Bilder postet er dann. Vom Weidegang sprechen Landwirtschaftsexperten, wobei dieser nüchterne Begriff die Energie und Aufgeladenheit des Moments nicht annähernd einfängt. Tüschers Kühe gehen schließlich nicht auf die Weide, sie springen, hüpfen, neudeutsch gesprochen jumpen sie sogar. Es ist ein Erlebnis, Kühe auf der Wiese eskalieren zu sehen. Nichts passt, und zugleich passt alles. Die vorübergehend schwebenden schweren Körper, die hager wirkenden Beine, die wie Fähnchen wackelnden Schwänze. Beim ersten Weidegang scheinen Kühe ihren Charakter zu ändern, die sonst bedächtig grasenden Tiere verwandeln sich dann in ausgesprochene Feierbiester. Die Gegenwart hat zwar im Augenblick nicht viel Erbauliches zu bieten, aber auf Christian Tüschers hopsendes Nutzvieh ist Verlass. Oder, wie es ein Netz-Kommentator schweizerisch formvollendet auf den Punkt gebracht hat: „Wenigschtens d Chüe si no normal und zfride mit dr Wält und sich.“

Dass jemand mit dr Wält zufrieden sein könnte, erscheint aus Menschensicht gerade schwer vorstellbar. Mit Kuhaugen betrachtet sieht das Ganze schon entspannter aus. Die Sau saut sich ein, die Ziege meckert rum. Der Kuh aber schreibt der Mensch Stoizismus zu – so weit würde er beim Schaf nicht gehen. Die Kuh wirkt, auch in aufgeregten Zeiten, durch ihre Ruhe. Wer etwa im Chiemgau unterwegs war, wird das bestätigen: Die Landschaft wäre nicht so herrlich ohne die Kühe, die auf dem grünsatten Gras liegen, wie Edelsteine auf einem Samtkissen. Sie tragen gelbe Ohrmarken, auf die manche Bauern mit Edding ihre Rufnamen schreiben: Huberta, Deborah, Lisa. Und wenn man näher rangeht, kann man hören, wie sie jedes Grashälmchen bearbeiten. Sie beißen es ja nicht, sie können es nur rupfen. Noch präziser mit Bertolt Brecht gesagt: „Sie malmt es sorgsam, dass sie’s nicht zerfetzt.“

Glückliche Kühe dürfen erleben, dass die Anbindehaltung gottlob aus der Mode kommt: Diese Zeitenwende ist ihnen wichtig. Andere Zeitenwenden sind glatt an ihnen vorbeigezogen. Schon die sagenhafte Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt hielt Kühe auf ihrem Chiemgauer Hof, und wer die alten Fotos sieht, erkennt: Flickenschildts Kühe sahen aus wie die Hubertas, Deborahs und Lisas der Gegenwart. Und das Gras ist immer noch das Gras. Was macht denn nun glücklich? Schwer zu sagen. Der Literaturwissenschaftler und Kuh-Exeget Florian Werner jedenfalls schreibt: „Der Mensch will neue Erfahrungen machen und seiner Erinnerung einverleiben – die Kuh kann ihr Leben lang glücklich Gras fressen und wiederkäuen.“ Schön, dass die Kühe jetzt wieder draußen sind. Schön für die Kühe. Und für die Menschen.

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