Kuba:Castro will den Sozialismus retten - mit US-Dollars

Allein der Reisetross Obamas lässt aber erkennen, dass dies nicht irgendeine Vergnügungsfahrt ist, sondern der bisherige Höhepunkt der Tauwetterpolitik. Neben seiner Frau und seinen Töchtern bringt er rund 40 Senatoren und Kongressmitglieder mit, dazu zahlreiche Geschäftsleute und Exilkubaner, Hunderte Journalisten, reichlich Security sowie das gesamte Baseballteam der Tampa Bay Rays, das am Dienstag gegen die kubanische Nationalmannschaft spielt. Aus dem Weißen Haus heißt es, die offizielle Delegation sei eine der größten der jüngeren Vergangenheit, angeblich belegt sie 1200 Hotelzimmer.

Die Kubaner haben aus dem feierlichen Anlass ein paar Straßen teeren lassen, die noch vor wenigen Wochen so aussahen, als habe sie 88 Jahre lang keiner angerührt. Auch Obama schickte ein paar ernsthafte Gesten der Freundschaft voraus. Private Urlaubsreisen von US-Bürgern nach Kuba sind nun faktisch erlaubt. Das ist nicht nur für nordamerikanische Urlauber eine wichtige Neuerung, sondern auch für Millionen von Kubanern, die auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen sind.

Obama will auch Regimekritiker treffen

Raúl Castro begnadigte als Zeichen der Völkerverständigung wiederum vier politische Gefangene, die allerdings vor einem Jahr schon einmal freigelassen und dann wieder eingesperrt worden waren. Die weiterhin besorgniserregende Menschenrechtslage in Kuba dürfte wohl den nicht ganz so lustigen Teil der Begegnung bestimmen. Obama hat angekündigt, dass er die Differenzen zwischen beiden Systemen klar benennen werde.

Geplant ist auch ein Treffen mit sogenannten "Vertretern der Zivilgesellschaft", das ließ Raum für Spekulationen, ob sich der Präsident mit bekannten Dissidenten zeigen würde. Obama weiß, dass er sich zu Hause viel Ärger erspart, wenn er diesen Punkt nicht völlig ausklammert. Die vom Weißen Haus ausgegebene Parole, wonach es jetzt vor allem Aufgabe der Kubaner sei, Kuba zu verändern, lässt aber erkennen, dass die heiklen Themen die neue Harmonie nicht allzu sehr stören sollen.

Für den Pragmatiker Raúl Castro geht es jetzt vor allem darum, mit US-Dollars den Sozialismus zu retten - oder was davon noch übrig ist. Für den Friedensnobelpreisträger Obama geht es um sein Erbe. Seine Abschiedstournee hat begonnen, nicht zuletzt in Havanna wird sich erweisen, was von seiner Präsidentschaft für die Geschichtsbücher zurückbleibt. Erklärtes Ziel dieser Reise ist es, Fakten zu schaffen, die den Annäherungsprozess mit Kuba unumkehrbar machen. Gerade auch für den immer noch surreal anmutenden Fall, dass demnächst ein US-Präsident namens Donald Trump versucht, die Welt auf den Kopf zu stellen.

Am Dienstag hält Obama eine mit Spannung erwartete Rede im frisch restaurierten "Gran Teatro de La Habana", einem der wenigen Prachtbauten der Stadt, die nicht explizit politisch konnotiert sind. Der hohe Gast will dort seine Vision vom Freundschaftsverhältnis der einstmaligen Klassenfeinde vorstellen, das kubanische Staatsfernsehen überträgt live. Auch das ist eine kleine Revolution.

© SZ vom 21.03.2016/bepe
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