bedeckt München 29°

Kuba:Die neue Magie heißt Wandel

Mit Fidel Castro siecht das Land - für die alten Weggefährten ist er noch immer ein Symbol, doch die Jüngeren sehen in ihm vor allem ein Hindernis.

Peter Burghardt, Havanna

Weiß der Himmel, was aus Kuba und den Castros wird. Am besten, man fragt gleich die Götter. "Alle Präsidenten sind von Oludamare eingesetzt", antwortet Antonio Castañeda und fixiert den Gast durch seine getönte Brille. "Alle, ohne Ausnahme." Auch Fidel? "Auch Fidel."

Aufräumarbeiten in einem Wahllokal in Havanna, in dem es nicht viel zu wählen gab.

(Foto: Foto: AFP)

Oludamare ist der Allmächtige in der afroamerikanischen Mythologie Yoruba. Und der Mann im grauen Anzug und mit der roten Krawatte ist auf Kuba der Hohepriester dieser Religion. "Babalawo" steht auf seiner Visitenkarte, das bedeutet so viel wie "Vater der Geheimnisse". Als solcher sitzt Castañeda in seinem abgedunkelten und tiefgekühlten Büro der kubanischen Yoruba-Vereinigung in der Altstadt Havannas vor dem Computer. Früher spielte er Saxophon im Varieté Tropicana. An der Wand hängt naive Malerei aus dem Yoruba-Kosmos und ein E-Bass. Neben dem Schreibtisch lehnt eine grüne Stoffpuppe mit Peso-Scheinen.

Der Yoruba-Kult kann kaum überschätzt werden auf dem kommunistischen Eiland. Gerade in diesen Monaten der Ungewissheit. "85 Prozent der Kubaner sind gläubig, 75 Prozent davon haben unseren Glauben", doziert Castañeda. Demnach würden ungefähr 7,5 Millionen Landsleute den Voodoo-artigen Ritualen mit Hahn, Kreuz und Opfergaben folgen, die einst mit den Sklaven aus Nigeria kamen und mit katholischen Elementen verschmolzen. Bekannt ist dieser Mix als Santería. Jeder Anhänger hat einen Santero, einen Schamanen. Selbst Fidel Castro, heißt es. Bei einer Afrikareise in gesünderen Zeiten soll er in weißer Kleidung eine Zeremonie absolviert haben, es blieb, wie alles aus seinem Privatleben, ein beliebtes Gerücht. Exilkubaner in Miami behaupten sogar, Antonio Castañeda sei Fidels Santero. "Schön wär's", sagt der. "Aber wir bitten in unseren Sitzungen für ihn. Auch als er krank wurde." Kürzlich verkündete Castañeda, der allmächtige Olodumare wolle allein den Comandante an der Spitze der Nation und schütze ihn.

Sterben kostet nichts

Wie sonst ließe sich das alles verstehen? Am 1. Januar 2009 wird es ein halbes Jahrhundert her sein, dass Fidel Castro gemeinsam mit seinem Bruder Raúl, mit Ché Guevara und anderen Rebellen die Zuckerinsel eroberte. "Jahr 50 der Revolution", jubeln Transparente. Das Phänomen hält sich wie das chromglänzende oder würdig verrostende Blech der urigen Chevrolets und Buicks, die draußen an halb verrotteten, halb renovierten Fassaden vorbei rollen. Elf Amtszeiten amerikanischer Präsidenten hat der Máximo Líder überstanden, eine US-Invasion, die Raketenkrise, Washingtons Dauerboykott, den Zusammenbruch von Sponsor Sowjetunion - Sponsor Venezuela sprang ein, eine barmherzige Fügung. Und bisher überlebt der Patient selbst seine Krankheit, die ihn mehr als alles andere ins Wanken brachte.

Nach seiner letzten Rede am 26. Juli 2006, kurz vor seinem 80.Geburtstag, wurde Castro mit schweren Darmblutungen notoperiert. Seither war er bloß noch als schmaler Großvater auf vereinzelten Fotos und Videos zu sehen, im Trainingsanzug statt in Uniform. In seinen Briefen gab der Patron zu, um ein Haar gestorben zu sein. Auch schlug er vor, die Alten dürften den Jungen nicht im Weg stehen. Trotzdem wurde er gerade erneut fürs Parlament nominiert und könnte dort wie gehabt zum Präsidenten und Vorsitzenden des Staatsrates gekürt werden.

Da hat Señor Castañeda auch in irdischer Funktion mitzureden, denn er ist ebenfalls Abgeordneter. Als erster Vertreter der Yoruba bekam er bei den Volkskammer-Wahlen à la DDR im Januar ein Mandat - alle 614 Kandidaten für 614 Sitze wurden von den Wählern ordnungsgemäß angekreuzt. Am 24.Februar sollen die Delegierten, gewöhnlich Mitglieder der Kommunistischen Einheitspartei, die neue Führung der Republik bestimmen. Fidel wird wohl in seinen Ämtern bestätigt, wenn er will. Wenn ja - dankt er dann trotzdem ab? Übergibt die Geschäfte endgültig dem 76-jährigen Raúl, der als Reformer gilt? Zieht er sich elegant in die Rolle des Übervaters zurück? Steigt einer der jüngeren Funktionäre auf? Alles nur Theorien, Antonio Castañeda hebt die Schultern. "Wenn Fidel gewählt werden soll, dann werde ich ihn wählen", sagt er zwischen zwei Telefonaten mit zwei Telefonen. "Wen sollte ich sonst wählen? Kennen Sie seine Verdienste?"

Er zählt rasch auf, revolutionäre Routine. Kostenlose Schulen und Krankenhäuser und billige Grundnahrungsmittel wie Zucker, Bohnen und Reis über Lebensmittelkarten (im Einsatz seit 1962). Internationale Augenoperationen für Bedürftige, genannt Operation Wunder. Trotz des ewigen Embargos durch das Imperium. Selbst Beerdigungen seien hier gratis, "was kosten die in Deutschland?". Noch zu Zeiten seiner Geburt 1946 seien Menschen mit dunkler Hautfarbe wie er noch benachteiligt worden, sagt der Babalawo. Und Waffen gebe es kaum auf Kuba und drogensüchtige Straßenkinder auch nicht wie sonst überall in Lateinamerika. "Das hat alles Fidel geschafft." Das sind Argumente.

Lesen Sie auf Seite 2, worauf die Kubaner hoffen: dass die Klapperbusse verlässlicher werden, die Züge schneller als durchschnittlich 40 km/h fahren und was sonst noch.

Zur SZ-Startseite