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KSK der Bundeswehr:Elitetruppe mit Rechtsdrall

Militärische Trainingseinheit am KSK-Stützpunkt in Calw (Archivbild).

(Foto: AP)

Das Kommando Spezialkräfte KSK hat sich in riskanten militärischen Einsätzen bewährt, doch in seiner Geschichte gab es immer wieder Skandale. Jetzt sollen ihm 20 Rechtsextremisten angehören.

Das Gelände am Rande des Schwarzwaldes sieht äußerlich nach einer normalen Kaserne aus, doch nur wenige haben es je von innen gesehen. Der Stützpunkt des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Calw ist eine Hochsicherheitszone, abgeschirmt nicht nur vor der Öffentlichkeit und neugierigen Reportern, sondern auch vom Rest der Bundeswehr selbst. Wenn die Bundeswehr sonst über müdes Material klagt - beim KSK ist das nicht das Problem. Fast alles hier ist State of the Art, wie es beim Militär heißt, auf dem neuesten Stand. Der Kampf im und unter Wasser, alle Szenarien eines Feuergefechts lassen sich hier üben. Im Inneren, auf dem Weg zur Kantine, sind Erinnerungsgegenstände aus den Einsatzgebieten ausgestellt.

Hier also fand sich am Montag dieser Woche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ein, die zuvor angekündigt hatte, "mit dem eisernen Besen" durchzufegen. Weniger State of the Art ist nämlich die innere Befindlichkeit der 1996 in der Frühphase der Auslandseinsätze gegründeten, 1600 Mann starken Truppe. Eine Reihe von Skandalen hat die Einheit erschüttert, meist mit rechtsextremem Hintergrund. Schon der langjährige Kommandeur der ersten Zeit, Reinhard Günzel, machte mit rechten Äußerungen unrühmliche Schlagzeilen und wurde 2003 von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) fristlos gefeuert. Bereits damals also musste die Bundesregierung den für die Bundeswehr grundlegenden "Primat der Politik" über das Militär durchsetzen.

Vor einigen Wochen hatte ein junger KSK-Hauptmann an Kramp-Karrenbauer geschrieben, "dass eine toxische Verbandskultur durch schwere Mängel im Bereich Ausbildung" entstanden sei. Er beklagte rechtsextreme Tendenzen und "kollektiv frustrierende Abhängigkeit der Auszubildenden gegenüber der Willkür von Ausbildern und Vorgesetzten, die zu einer Art Kadavergehorsam führen". Anders als in der Bundeswehr üblich, sind KSK-Soldaten meist viele Jahre in ihrer Einheit. Dadurch ist die Abhängigkeit von der Gruppe und dem Wohlwollen der Vorgesetzten viel größer.

Probleme gab es besonders in der 2. der vier Einsatzkompanien. 2017 kam es zu einer wüsten Abschiedsfeier für einen Offizier, es gab Würfe mit echten Schweineköpfen, dort soll Nazimusik gespielt worden sein, einige betrunkene Teilnehmer sollen den Hitlergruß gezeigt haben. Eine teilnehmende Frau informierte die Polizei, doch wollte keiner der angeblich etwa 70 Gäste der Feier etwas dergleichen wahrgenommen haben. Ermittler sprachen von einer "Mauer des Schweigens".

Auf der Feier war auch Philipp Sch. dabei gewesen, der im Mai dieses Jahres Besuch von der Polizei bekam. Die Beamten fanden auf dem Privatgrundstück des 45-Jährigen im sächsischen Collm zwei Kilo Sprengstoff, Tausende Patronen, dazu Schusswaffen, Waffenteile, einen Schalldämpfer und Nazischriften. Der Mann sitzt in Haft und schweigt. Woher die Waffen kamen, was er damit vorhatte, ob es ein Netzwerk gibt, ist unklar. Wie die Ministerin jetzt erklärte, fehlen dem KSK sogar 62 Kilo Sprengstoff und 48 000 Schuss Munition, mindestens; dies hätten Überprüfungen ergeben.

Der Militärgeheimdienst MAD gab zuletzt an, 20 mutmaßliche Rechtsextremisten im KSK identifiziert zu haben. Allerdings ist die Definition so eng, dass nur die eindeutigen Fälle darunterfallen; von nicht quantifizierten anderen hieß es, sie stünden teils nicht auf dem Boden des Grundgesetzes - der Verfassung, die sie verteidigen sollen. Zwar gab es Entlassungen und Versetzungen, doch Verfahren vor Truppendienstgerichten ziehen sich quälend langsam hin. Im Juni wurde zudem ein Islamist in den Reihen des KSK enttarnt, der sich beim UN-Einsatz in Mali radikalisiert haben soll.

Das KSK erlebte vor allem in den ersten Jahren gefährliche Missionen. Seine Soldaten holten serbische Kriegsverbrecher und Folterer, die vom UN-Tribunal gesucht wurden, aus deren Verstecken, beteiligten sich 2001/2002 in Afghanistans Gebirgen an der Jagd auf den Terrorführer Osama bin Laden und an Gefechten mit den Taliban. Mehrere Soldaten wurden schwer verletzt, 2013 starb ein KSK-Mann nahe dem Außenposten Baghlan, als sein Trupp afghanischen Polizisten zu Hilfe kam, die von den Islamisten attackiert wurden. Zuletzt wurde das KSK bei Geiselnahmen deutscher Staatsbürger im Ausland mehrmals in Einsatzbereitschaft versetzt, aber es gelang jeweils, die Lage ohne Gewalt zu lösen.

Annegret Kramp-Karrenbauer hatte im Mai eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die nun ein Konzept zur Bekämpfung des Extremismus in der Elitetruppe erarbeitet hat, über das die Verteidigungsministerin jetzt öffentlich spricht. Der Hauptmann, der sie über die Zustände im Verband informiert hatte, soll nun bei der praktischen Umsetzung des Konzepts mithelfen.

© SZ vom 01.07.2020
Annegret Kramp-Karrenbauer in Afghanistan

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