Süddeutsche Zeitung

Bundeswehr:Munitionsaffäre beim KSK weitet sich aus

Im Kommando Spezialkräfte wurde über Jahre systematisch gegen "geltende Vorschriften und Verfahren" bei der Munitionsbewirtschaftung verstoßen. Das zeigen vertrauliche Berichte. KSK-Kommandeur Kreitmayr gerät damit weiter unter Druck.

Von Mike Szymanski, Berlin

Die Munitionsaffäre im Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr weitet sich aus. Vertrauliche Berichte aus dem Jahr 2020 über den Umgang mit Munition in der Spezialeinheit, die am Dienstag ans Parlament übermittelt wurden und die ebenfalls der Süddeutschen Zeitung vorliegen, zeigen auf, dass im Verband über Jahre hinweg bei der Munitionsbewirtschaftung systematisch gegen "geltende Vorschriften und Verfahren" verstoßen worden sei. Diese seien "grundsätzlich nicht eingehalten worden", heißt es etwa in Zwischenberichten des Heeres. Zudem ist die Rede von "Schwarzbeständen" an Munition, die regelmäßig aus Restbeständen von Schieß- und Ausbildungstrainings sowie Einsätzen aufgefüllt worden seien.

KSK-Kommandeur Markus Kreitmayr, der im Juni 2018 den Verband mit Sitz in Calw übernommen hat, gerät damit weiter unter Druck. Am Montag hat dessen direkter Vorgesetzter, der Kommandeur der Division Schnelle Kräfte (DSK) im hessischen Stadtallendorf, Generalmajor Andreas Hannemann, die Ermittlungen an die Spitze des Verteidigungsministeriums abgegeben. Es steht mittlerweile der Verdacht schwerwiegender Dienstvergehen im Raum.

Ausgangspunkt der Kritik an Kreitmayr war eine rechtlich umstrittene Sammelaktion von Munition, die der Kommandeur am 24. März 2020 "mündlich" angeordnet haben soll. Soldaten sollten bis 31. Mai die Möglichkeit erhalten, "anonym Munition, Kampf-, Sprengmittel und sonstige Munitionsteile abzugeben", die sich unberechtigt in deren Besitz befanden. "Aktion Fundmunition", hieß der Auftrag den Dokumenten zufolge. Dabei kamen Zehntausende Munitionsartikel zusammen. Der Anteil an scharfer Munition daran soll zwar gering gewesen. Dennoch war man in der militärischen Führung schockiert über das Ergebnis.

Rechtsextremistische Umtriebe und ein Waffenfund auf dem Privatgrundstück eines KSK-Soldaten Mitte Mai 2020 hatten den Verband mit etwa 1600 Soldatinnen und Soldaten in eine Existenzkrise gestürzt. Ungeachtet dessen lief die Sammelaktion weiter, bis sie am 29. Mai auf Weisung von Kreitmayrs Vorgesetztem gestoppt wurde. Dennoch sollen danach noch 13 000 Munitionsartikel zusammengekommen sein.

Kreitmayr soll die "Aktion Fundmunition" eigenmächtig angeordnet haben

Über Monate wurde dem Parlament der Vorgang vorenthalten, obwohl der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, früh von der Sammelaktion in Kenntnis gesetzt worden war. Rechtliche Bedenken finden sich bereits in einem Zwischenbericht des Heeres aus dem Oktober 2020, darin heißt es in einer Einschätzung: "Das Einbehalten dieser Menge an Fundmunition durch Soldaten und Soldatinnen und die nachträglich organisierte anonyme Abgabe nach Aufforderung ist beispiellos und wird den Anforderungen an den sachgerechten und sicheren Umgang mit Munition und die Dienstaufsicht in der Munitionsbewirtschaftung nicht gerecht."

Wie sich nun herausstellt, soll Kreitmayr ohne Rücksprache die Aktion angeordnet haben. Die Berichte, die dem Parlament vorgelegt wurden, legen auch nahe, dass Kreitmayr Vorgesetzte womöglich nicht rechtzeitig über Unregelmäßigkeiten bei der Munition informiert hatte. Über Jahre hinweg hatte es offenbar nur schlampige, wenn nicht gar manipulierte Inventuren gegeben. Die erste verlässliche Bestandsaufnahme sei wohl erst wieder im Dezember 2019 durchgeführt worden, "vorschriftenkonform", wie es in den Dokumenten heißt. Ein Ergebnis dabei: 13 000 Munitionsartikel fehlten demnach, auch 62 Kilogramm Sprengstoff. In den Unterlagen der Bundeswehr steht: "Die erforderliche Meldung eines herausragenden Sicherheitsvorkommnisses an die zuständigen Stellen unterblieb." Warum unter anderem das Ministerium nicht informiert worden sei, sei "nicht ersichtlich".

Fragen wirft auch ein Vorgang aus dem Jahr 2018 auf, als Kreitmayr schon Kommandeur des KSK war. Im November 2018 soll ein Teil der Schwarzbestände an Munition auf einem Truppenübungsplatz bei einer Sprengung vernichtet worden sein.

Am Mittwoch beschäftigt sich der Verteidigungsausschuss mit der Affäre

Die Vorfälle im KSK werden in der Bundeswehr-Führung inzwischen als Beleg für langjährig geduldete Konstruktionsfehler betrachtet. "Die Ursachen, die zu den Fehlentwicklungen und Missständen geführt haben, reichen weit in die Vergangenheit zurück", heißt es in einem internen Schreiben mit Datum 25. Februar, mit dem der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, den Generalinspekteur Eberhard Zorn über den Sachstand der Aufklärung informiert.

Am Mittwoch soll die Aufarbeitung der Munitionsaffäre im Verteidigungsausschuss fortgesetzt werden. Dessen Vorsitzender, der SPD-Politiker Wolfgang Hellmich, sagte der SZ, es gehe jetzt darum, ein "umfassendes Lagebild zu bekommen". Sollten am Mittwoch nicht alle Fragen der Abgeordneten vom Ministerium beantwortet werden können, komme die Munitionsaffäre bei nächster Gelegenheit "wieder auf die Tagesordnung".

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