Süddeutsche Zeitung

Kroatien:"Kapetan Dragan" steht vor Gericht

  • Die Anklage gegen Vasiljković umfasst neben der Ermordung des SZ-Reporters Scotlands auch die Misshandlung von kroatischen Polizisten und Zivilisten.
  • Vasiljković, der neben der serbischen auch die australische Staatsangehörigkeit besitzt, bestritt jede Verantwortung für die ihm zur Last gelegten Taten.
  • Egon Scotland war am 26. Juli 1991 in der Nähe der Kleinstadt Glina erschossen worden.

25 Jahre nach dem Tod des SZ-Reporters Egon Scotland muss sich jetzt der Mann, der mutmaßlich für den Tod des Journalisten verantwortlich ist, vor Gericht verantworten. Vor dem Gespanschaftsgericht in Split begann am Dienstag der Prozess gegen Dragan Vasiljković, der unter seinem Kriegsnamen "Kapetan Dragan" im jugoslawischen Bürgerkrieg als Ausbilder und Kommandant einer serbischen Spezialeinheit bekannt wurde.

Die Anklage gegen Vasiljković umfasst neben der Ermordung Scotlands auch die Misshandlung von kroatischen Polizisten und Zivilisten in einem Gefangenenlager in Knin, die Ermordung von zwei kroatischen Soldaten in einem Ausbildungslager in Bruska und die völkerrechtswidrige Beschießung von Wohnhäusern, einer Kirche und einer Schule in der Nähe von Glina. Vasiljković, der neben der serbischen auch die australische Staatsangehörigkeit besitzt, bestritt jede Verantwortung für die ihm zur Last gelegten Taten. "Diese Anklage ist ein Witz", sagte er am ersten Verhandlungstag. Die von der Staatsanwaltschaft behaupteten Beweise seien "alles Lügen und Falschaussagen".

Egon Scotland war am 26. Juli 1991 in der Nähe der Kleinstadt Glina erschossen worden, als er mit einem Kollegen in einem deutlich als Pressefahrzeug gekennzeichneten Auto nach einer Korrespondentin der Nachrichtenagentur dpa suchte, die nicht zur vereinbarten Zeit von einer Recherchefahrt zurückgekehrt war.

In Australien lebte er unter einem Aliasnamen als Golflehrer

Der Anklage zufolge versuchte zu dieser Zeit eine serbische Spezialeinheit unter Dragans Kommando zusammen mit einer Panzereinheit der jugoslawischen Volksarmee, die von Kroaten besetzte Polizeistation in Glina zu erobern. Dabei seien auch mehrere Nachbarorte mit Panzergranaten beschossen worden, um die Bewohner zur Flucht zu zwingen. Durch den Beschuss sei außer Egon Scotland auch ein Einwohner der Ortschaft Jukinac getötet worden.

Vasiljković wurde 2003 im Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević als Zeuge gehört, aber nicht selbst angeklagt. 2004 kehrte er in seine Wahlheimat Australien zurück und lebte dort unter einem Aliasnamen als Golflehrer. Nachdem ihn eine australische Journalistin dort enttarnt hatte, wurde er 2006 aufgrund eines kroatischen Haftbefehls festgenommen und 2015 nach einem neun Jahre dauernden juristischen Kampf an Kroatien ausgeliefert.

Dragans Verteidiger erklärten, es sei nicht ersichtlich, warum ihr Mandant für den Tod Scotlands und eines weiteren Mannes in Glina verantwortlich sein sollte. Es gebe keinerlei Beweise dafür, dass Vasiljković die Befehlsgewalt gehabt habe. Das Geschoss, das Scotland tötete, hätte ebenso gut auch von einem Armeesoldaten oder einen kroatischen Kämpfer stammen können.

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SZ vom 21.09.2016/dit
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