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Kroatien:Anklage: Mord

Egon Scotland

Egon Scotland kam 1983 als Landtagskorrespondent zur SZ. 1991 war er in Kroatien, um über den jugoslawischen Bürgerkrieg zu berichten.

(Foto: privat)

Vor 25 Jahren wurde der SZ-Reporter Egon Scotland erschossen. Ein ehemaliger Milizenführer muss deshalb nun vor Gericht.

25 Jahre nachdem der SZ-Reporter Egon Scotland in Kroatien erschossen worden ist, muss sich jetzt der mutmaßlich für den tödlichen Schuss Verantwortliche einem Gerichtsverfahren stellen. In der kroatischen Hafenstadt Split beginnt am 20. September der Prozess gegen den ehemaligen serbischen Milizenführer Dragan Vasiljković. Der 61-Jährige war im jugoslawischen Bürgerkrieg Kommandant einer paramilitärischen Einheit, die am 25. Juli 1991 die kroatische Stadt Glina eingenommen hatte. Scotland, der für die Süddeutsche Zeitung aus dem Kriegsgebiet berichtete, wurde von der Kugel eines Scharfschützen getroffen, als er mit einem Kollegen nach einer vermissten Reporterin des österreichischen Fernsehens suchte.

Egon Scotland, 42, war nach dem österreichischen Fotografen Nikolas Vogel der zweite Journalist, der im kurz zuvor ausgebrochenen Krieg zwischen den Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens zu Tode kam. Allein im Jahr 1991 starben noch weitere 18 Journalisten in diesem von allen Seiten mit erbarmungsloser Grausamkeit ausgetragenen Krieg. Nach dem Tod Egon Scotlands gründeten seine Freunde und Kollegen 1993 den Verein Journalisten helfen Journalisten (JhJ), der seither Hunderte in ihren Heimatländern verfolgte und bedrohte Journalisten und deren Angehörige unterstützt hat.

Egon Scotland, 1948 in Hagen in Westfalen geboren, kam 1983 als Landtagskorrespondent zur Süddeutschen Zeitung. Nach einem Studienaufenthalt in Kalifornien sollte er die Korrespondentenstelle in Südosteuropa übernehmen. Als am 26. Juli die österreichische Kollegin von einer Recherchefahrt nicht zurückkehrte, machte er sich gemeinsam mit einem Kollegen auf die Suche nach ihr. Einige Hundert Meter vor der tags zuvor von den Serben eroberten Stadt Glina wurde er auf dem Beifahrersitz des als Pressefahrzeug gekennzeichneten Autos tödlich getroffen.

Kommandant der Einheit, die Glina besetzt hatte, war der serbische Milizenführer Dragan Vasiljković, der unter dem Kriegsnamen Kapetan Dragan bekannt wurde. Er setzte sich nach dem Ende des Krieges in seine zweite Heimat Australien ab. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hörte Vasiljković im Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević als Zeugen, klagte ihn aber aus prozesstaktischen Gründen nicht selbst an. 2006 wurde Vasiljković, der in Australien unter falschem Namen als Golflehrer arbeitete, von einer Journalistin enttarnt. Nach jahrelangem juristischen Streit wurde er im Juli 2015 nach Kroatien ausgeliefert. Dort sitzt er seitdem in Untersuchungshaft.

Die Anklage der kroatischen Staatsanwaltschaft legt Dragan Vasiljković neben dem Mord an Egon Scotland die Folterung und Ermordung von kroatischen Kriegsgefangenen und den Tod weiterer Zivilisten bei der Eroberung von Glina zur Last. In einer gerichtlichen Anhörung plädierte Vasiljković auf "nicht schuldig". In einem Interview mit dem serbischsprachigen Nachrichtendienst Vesti-online warf Dragan Vasiljković der serbischen Regierung vor, ihn fallengelassen zu haben.

© SZ vom 26.07.2016
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