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Kritik an der Hauptstadt:Gefangen in der Laubenkolonie

Die Kiezbezogenheit und den kleinstädtischen Geist mit dem Berlin-Gesetz von 1920 zu begründen, findet Hoffmann-Axthelm unbefriedigend. Auch andere Großstädte seien aus kleineren Städten entstanden. "Wenn man in Paris jemanden trifft, der in Montparnasse wohnt, dann ist er auch ganz stolz darauf. Aber trotzdem gibt es eine klare Orientierung hin zum Zentrum." Aus Erzählungen seiner Großeltern wisse er, dass das früher in Berlin auch so war. "Da bummelte man am Wochenende auf die Friedrichstraße." Dort sind heute hauptsächlich Touristen. Den Stadtplaner Hoffmann-Axthelm schmerzt das. Der Berliner Politik sei die Bedeutung des Zentrums überhaupt nicht klar, sagt er. Sie sei immer noch im Laubenkolonie-Denken gefangen.

Verpasste Fusion mit Brandenburg

Ein weiterer historischer Fehler passierte zur Wende - da sind sich Hoffmann-Axthelm und Metropolenforscherin Helbrecht einig. Mit der Wiedervereinigung Berlins hätten "Not und Elend geheiratet", sagt Helbrecht. Westberlin, das seit dem Zweiten Weltkrieg am Subventionstropf der BRD hing und die sozialistische Planungswüste Ostberlin - das konnte ja nicht gut gehen. Berlin weiterhin den Status eines Stadtstaates zu gewähren, hält sie vor diesem Hintergrund für falsch. Es hätte längst mit Brandenburg fusionieren sollen. "Zum Beispiel wird viel Einkommensteuer im Umland bezahlt, weil die Gutverdiener dort wohnen", sagt sie. Ein Fusionsplan wurde 1996 von den Brandenburgern allerdings in einem Referendum abgelehnt.

In Berlin hingegen beziehen 20 Prozent aller Haushalte Hartz IV, 54 Prozent verdienen so wenig Geld, dass sie Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben. Die Stadt muss also sparen. Darunter leiden Infrastruktur und Verwaltung. Das ist besonders fatal, weil Berlin anders als andere arme Städte, die zugleich schrumpfen, keinesfalls die Einwohner davonrennen. "Allein von 2010 bis 2014 sind 175 000 Leute dazugekommen", sagt Helbrecht. Personalabbau und Sparkurs in Zeiten einer Bevölkerungsexplosion, "da überschneiden sich ganz unglücklich zwei Entwicklungen". Das will der Senat zwar ändern, wieder investieren. Doch schmerzhaft spürbar sind bisher vor allem die Nachteile - siehe marode Schulen und Bürgerämter-Chaos.

An dieser Stelle noch einmal: Uff. Gibt's denn gar keine Hoffnung?

Aber natürlich, sagt Ilse Helbrecht. Denn die Bevölkerungsexplosion, die im Moment noch für Probleme sorge, sei eine Chance: "Gott sei Dank entwickelt sich Berlin, wenn auch von einem niedrigen Niveau aus." Die Arbeitslosigkeit sei gesunken, Kreative, junge Unternehmen und ihre Mitarbeiter kämen in die Stadt. "Das führt zwar nicht sofort zu gigantischen Einnahmen auf staatlicher Seite, aber es ist Potenzial da." Mit Abwarten sei es trotzdem nicht getan. "Berlin braucht eine Verwaltungsreform", sagt sie. Außerdem öffentlichen Wohnungsbau, der die Verdrängung stoppe, die das Wachstum mit sich bringe.

Graswurzel-Bewegung statt Verwaltung

Aber natürlich gibt es Hoffnung, sagt auch Dieter Hoffmann-Axthelm. Einer Verwaltungsreform räumt er allerdings wenige Chancen ein. "Ich setze nicht auf Politik und Verwaltung, sondern darauf, dass Parallelstrukturen entstehen", sagt er: Graswurzel-Initiativen, junge Unternehmen, private Baugruppen und Genossenschaften.

Das erinnert an ein Bürgeramt-Skandälchen aus dem Sommer: Im Juni hatten drei Jungunternehmer einen Algorithmus programmiert, der das überlastete Online-Anmeldesystem der Berliner Verwaltung nach freigewordenen Bürgeramts-Terminen durchsucht. Und diese dann gegen Gebühr an verzweifelte Berliner vermittelt. Die Berliner Politik war darüber nicht amüsiert, versuchte alles Mögliche, das Geschäft zu unterbinden.

Auch Hoffmann-Axthelm findet es falsch, Bürgeramtstermine zu verkaufen. Doch natürlich stelle sich die Frage: Warum kriegen drei junge Männer hin, was die ganze Verwaltung nicht schafft - nämlich zeitnahe Termine zu vergeben? "Eine gute Verwaltung würde versuchen, solche Leute anzuheuern, anstatt sie zu bestrafen", sagt er.

Hoffmann-Axthelm hofft jedenfalls darauf, dass die junge Generation Berlin nach vorne bringt - ob mit oder ohne Verwaltung. "Meine Generation hat schon in Kreuzberg alles dafür getan, unabhängig vom Staat werden", sagt er. Da würde es ihm schlecht zu Gesicht stehen, jetzt nach der Verwaltung zu schreien. Die solle sich lieber zurücknehmen und den Graswurzel-Initiativen nicht unnötig das Leben schwer machen, findet er. Denn die trügen den wahren alternativen Geist des alten Westberlins in sich, der in der Metropole Berlin hoffentlich weitergeführt werde.