Die Vorwürfe aus dem Ruhestand überraschen: Bisher galt Robert Gates dem US-Präsidenten gegenüber als loyal, doch jetzt übt der ehemalige Verteidigungsminister in einem neuen Buch scharfe Kritik an der Afghanistan-Politik von Präsident Barack Obama.
Gates schreibt, Obama habe seinen Kommandeuren nicht vertraut und nicht an seine eigene Strategie der zeitweiligen Truppenaufstockung im Kampf gegen die Taliban geglaubt. US-Medien haben Auszüge aus dem Buch "Duty: Memoirs of a Secretary of War" veröffentlicht. Darin schreibt Gates weiter, Obama habe nur ein Ziel gehabt: die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Zudem hält der ehemalige Minister Obama den Angaben zufolge eine extrem scharfe Zentralisierung und Kontrolle in Sicherheitsfragen vor - stärker als in den Zeiten von Präsident Richard Nixon.
Gates schildert nach Berichten der Washington Post und der New York Times etwa ein Treffen im Weißen Haus im März 2011 und die vermeintliche Antipathie Obamas gegen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai: "Als ich da saß, dachte ich: Der Präsident traut diesem Kommandeur nicht, er kann Karsai nicht ausstehen, glaubt nicht an seine eigene Strategie und betrachtet diesen Krieg nicht als den seinen."
Bezüglich der Aufstockung der Afghanistan-Einsatzkräfte um mehr als 30.000 US-Soldaten, die der US-Präsident nach seinem Amtsantritt selbst anordnete, schreibt Gates: "Obama war skeptisch, wenn nicht sogar regelrecht überzeugt, dass das scheitern würde." Alles, was für Obama gezählt habe, sei, "da rauszukommen".
Obama ist allerdings nicht der Einzige, gegen den Gates nun aus dem Ruhestand heraus wettert: Seine Vorwürfe richten sich auch an George W. Bush, der nach den Terrorangriffen 2001 den Afghanistan-Einmarsch angeordnet hatte. Mit Blick auf den von Bush erhofften Wandel am Hindukusch meint Gates den Angaben zufolge, seine Ziele seien "auf peinliche Weise ehrgeizig und historisch naiv" gewesen. Obamas Vizepräsident Joe Biden warf er außerdem vor, "in nahezu jedem wichtigen Thema der Außen- und Sicherheitspolitik in den vergangenen vier Jahrzehnten falsch gelegen zu haben".
Gates war fünf Jahre lang US-Verteidigungsminister. Er amtierte von 2006 bis 2009 unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush. Obama beließ ihn nach seinem Amtsantritt zunächst auf seinem Posten, 2011 ging der heute 70-Jährige in den Ruhestand. Seine Karriere startete Gates einst beim Auslandsgeheimdienst CIA, wo er in 27 Jahren insgesamt unter sechs verschiedenen Präsidenten diente. Von 1991 bis 1993 war er CIA-Chef.
In ersten Kommentaren zu seinem neuen Buch hieß es in US-Medien, Gates hätte angesichts solcher Vorhaltungen gegen den Präsidenten eher zurücktreten müssen, als jetzt nachzutreten. Bislang hatten sich ehemalige Verteidigungsminister mit nachträglicher Kritik an ihren Vorgesetzten immer zurückgehalten. Eine Sprecherin des National Security Council entgegnete nach der Veröffentlichung der Vorwürfe von Gates, es sei hinlänglich bekannt, dass sich Obama dem Kampf gegen die Al Quaida verschrieben habe. Es sei sicher, dass es "einen klaren Plan" gebe, um den Krieg bis zum Ende dieses Jahres zu beenden.
Linktipp: In der Washington Post schreibt die Reporter-Legende Bob Woodward über die Memoiren von Robert Gates.