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Krisen vor dem Ersten Weltkrieg:Doggerbank-Zwischenfall, 1904

Deutsche Kriegsschiffe vor der Schlacht an der Doggerbank, 1915

Nach dem Zwischenfall von 1904 fand an der Doggerbank 1915 eine Seeschlacht statt: Deutsche Kriegsschiffe, darunter die Blücher (rechts), unterlagen dabei der überlegenen britischen Marine.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Doggerbank ist kein Kreditinstitut - sie ist eine seichte Stelle in der Nordsee: Etwa 300 Kilometer lang, rund 100 Kilometer breit, nur etwa 13 Meter flach. Das Gebiet zwischen Großbritannien und Dänemark wäre heute allenfalls als Fischgrund bekannt, hätte sich dort im Oktober 1904 nicht ein folgenschwerer Zwischenfall ereignet.

Die russische Ostseeflotte hatte erst vor wenigen Tagen den Hafen von Libau im heutigen Lettland verlassen, um vor der Küste Chinas im Russisch-Japanischen Krieg mitzumischen. Auf ihrem Weg durch die Nordsee wurden die Crews mehrmals vor japanischen Torpedobooten gewarnt, die kurz zuvor in Großbritannien vom Stapel gelaufen sein sollen. Diese Sorge nahm, angesichts der Entfernung, paranoide Züge an. In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1904 hielt erst die Besatzung der russischen Kamtschatka ein harmloses schwedisches Schiff für ein japanisches Torpedoboot und warnte die Kameraden auf den übrigen Schiffen vor der vermeintlichen Gefahr.

Kriegsschiffe überlassen Fischer ihrem Schicksal

Später passierte die Flottille eine Gruppe britischer Fischerboote und einige Offiziere glaubten dahinter erneut ein Torpedoboot der Japaner zu erkennen. Ohne einen entsprechenden Befehl erhalten zu haben, eröffnete ein russischer Geschützführer das Feuer auf die Fischerboote. Die anderen Kriegsschiffe feuerten daraufhin ebenfalls. Bei dem Angriff auf die unbewaffneten britischen Seeleute kamen mehrere Fischer ums Leben, etliche weitere wurden verletzt. Als die Crews den Irrtum bemerkt hatten, befahl der russische Admiral Sinowi Roschestwenski, dass die Flotte weiterfahren soll. Die Schiffbrüchigen überließ er - entgegen allen seerechtlichen Konventionen - ihrem Schicksal.

Der Doggerbank-Vorfall stürzte Russland und Großbritannien in eine tiefe diplomatische Krise: König Edward VII. tobte, der russische Botschafter in London erhielt Polizeischutz. Die britische Marine kesselte die russischen Schiffe ein, bis der Vorfall untersucht wurde. Am Ende zahlte Russland den Fischern und ihren Hinterbliebenen eine Entschädigung.

Später beruhigten sich die Gemüter zwischen London und Moskau allerdings wieder - und Russland trat 1907 sogar dem Entente-Bündnis zwischen Frankreich und Großbritannien bei. Doch später veröffentlichte Dokumente belegen, dass die Briten der russischen Führung misstrauten und deren Ambitionen fürchteten.