Notzeiten in der Geschichte:Wenn alles vorbei ist

German Sausage Eating Contest

Nach den Entbehrungen des Weltkrieges gab es bei vielen Deutschen Nachholbedarf, man sprach schon damals von der "Fresswelle": Wurstwettessen 1952.

(Foto: Underwood Archives/Getty Images)

Nach schweren Zeiten fühlten sich die Menschen immer wieder erleichtert und manchmal sogar beglückt. Ein Rückblick.

Von Gustav Seibt

Erleichterung ist zunächst ein individuelles Gefühl. Nach jeder großen Sorge, nach Krankheiten und Prüfungen atmet man auf, man spürt das im Körper. Wie sieht das bei Gesellschaften und Kollektiven aus?

Viele Ältere können sich noch an das Jahr 1977 erinnern, als die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu weitgehend unblutig beendet wurde. Dieser Moment war Schlusspunkt einer wochenlangen Anspannung, die die Bürger der Bundesrepublik gemeinsam über die Nachrichten erlebt hatten.

Gemeinsamkeit des Erlebens, eine geteilte Erfahrung, ist die Voraussetzung öffentlicher Erleichterung. Kriege, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen sind solche Erfahrungen. Aber auch Pandemien mit flächendeckenden Einschränkungen, wie sie Menschen in Deutschland und weltweit schon monatelang erleben - seit dieser Woche kombiniert mit der Hoffnung, dass ein Impfstoff alle alsbald von den Verboten befreit.

Allerdings verbindet sich solche kollektive Erleichterung immer auch mit Verlusten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß eins der meistgespielten Theaterstücke "Wir sind noch einmal davongekommen". Thornton Wilders Parabel handelte von Eiszeit, Sintflut und Krieg, und vor allem das deutsche Publikum fand darin eigenes Erleben wieder.

Doch der nächste Theatererfolg hieß "Draußen vor der Tür": Wolfgang Borcherts Stück von der Unmöglichkeit heimzukehren. Hier wurde nichts gut, und auch das stieß auf enorme Resonanz.

1945 begrüßten viele Deutsche das Kriegsende, aber sie hatten zugleich Angst vor Vergeltung, auch weil Ältere sich ans Jahr 1919 erinnerten, als ein harter Friedensvertrag das Elend des Ersten Weltkriegs zu verlängern schien. Was sollte nun erst, nach millionenfachem Massenmord, geschehen?

Das 20. Jahrhundert tat sich schwer mit dem Friedenschließen

Befragungen um 1980 ergaben, dass die Erleichterung nach dem Zweiten Weltkrieg in der Breite der westdeutschen Gesellschaft erst mit der Währungsreform von 1948 eintrat. Damals füllten sich über Nacht die Schaufenster, und der lange Anlauf zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder konnte beginnen. Nach Jahren des Mangels wurde nun üppiges Essen zum Lieblingsgenuss einer hart arbeitenden und immer besser verdienenden Gesellschaft. Selbstironisch sprach man von der "Fresswelle".

1945 war die Stimmung auch bei den Siegern bedeckt. In den befreiten Ländern allerdings, in Rom und Paris zum Beispiel, zeigte sich die Freude der Bevölkerung in spontanen Straßenfesten. Es war getanzte Erleichterung. Sorgenvoller schauten die Staatsmänner auf die Lage: Der nächste Weltkonflikt, später Kalter Krieg genannt, stand schon vor der Tür. Die den Krieg in Asien beendende Atombombe eröffnete das, was sogleich "Zeitalter der Angst" genannt wurde.

Nicht einmal die deutsche Kapitulation rief ungeteilte Euphorie hervor. Thomas Mann hatte den Sieg über Hitler jahrelang ersehnt und mit Radioansprachen einen wichtigen Beitrag geleistet. Trotzdem heißt es in seinem Tagebuch am 7. Mai 1945: "Es ist nicht gerade Hochstimmung, was ich empfinde." Er vermisste Selbsterkenntnis und Schuldbekenntnisse der Deutschen. Besiegte mögen froh sein, davongekommen zu sein, glücklich sind sie deshalb noch nicht.

Große Friedensschlüsse waren in der deutschen Literatur immer wieder Anlässe für große Dichtung. Das Ende des Dreißigjährigen Kriegs bewegte Andreas Gryphius zu Versen der Erleichterung, wie es wenige gibt. "Bisher sind wir tot gewesen, kann nun Fried ein Leben geben,/ Ach so lass uns, Friedenskönig, durch dich froh und friedlich leben,/ Wo du Leben uns versprochen!" Das war an Gott selbst gerichtet.

In den 1760er-Jahren schrieb Gotthold Ephraim Lessing seine "Minna von Barnhelm", die den Frieden in der Heirat einer schönen Sächsin mit einem steifen Preußen feierte - zu einem Zeitpunkt, als in Dresden die Trümmer der preußischen Kanonenkugeln noch herumlagen.

Friede war bis ins 19. Jahrhundert ein definierter Zustand, das 20. dagegen tat sich schwer mit dem Friedenschließen. Der Kalte Krieg war ein Nicht-Frieden, ein suspendierter Krieg.

Jeder politisch interessierte Zeitgenosse spürte das als permanente Drohung über der gesamten Existenz. Denn man wusste ja, dass die Auslöschung allen Lebens auf der Erde keine rein theoretische Möglichkeit war. Die Gefahr der Eskalation war real. Darum waren der Mauerfall von 1989 (und die Monate danach) womöglich der größte bekannte Erleichterungsmoment der Geschichte.

Berlin, seine Jugend, taumelte in ein Jahrzehnt des Feierns, das Menschen aus aller Welt anzog. Bald kam eine stillere Erleichterung dazu: der vorläufige Sieg über das HI-Virus, das zwar nicht auszurotten, aber seit 1996 so behandelbar ist, dass man damit gesund bleiben kann.

Die unbeschwerte Freude über das neue Jahrtausend endete am 11. September

Das spielte seine Rolle auch im Partyleben. So feierte ein großer Teil der Weltgesellschaft ungemein unbeschwert ins Jahr 2000 hinein. Als am 11. September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, hatten etliche Zeitgenossen das Gefühl, nun gehe auf einmal auch das heiterste Jahrzehnt der Zeitgeschichte zu Ende.

Mauerfall und 11. September waren weltgesellschaftlich wirksame Kollektivereignisse, die Bilder davon wurden zu Ikonen. Mit etwas Glück könnte nun Covid 19 zur am schnellsten besiegten Pandemie der Geschichte werden und damit zu einem Anlass allgemeiner Erleichterung.

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ vom 13.11. 2020.

© SZ/odg
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