Krise in Ägypten:Kritik am "Facebook-Mädchen"

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Es folgten die bis dahin größten und gewaltsamsten Proteste in Ägypten seit Jahren: In Mahalla al-Kubra prügelte die Polizei auf Demonstranten ein, verletzte Dutzende und tötete mindestens zwei Menschen. Hunderte Aktivisten wurden verhaftet, unter ihnen die 29-jährige Fattah - weil sie auf Facebook zu Protesten aufgerufen hatte. Nach mehr als zwei Wochen wurde Fattah, die den Gewehren der Sicherheitskräfte mit Blumen entgegnen wollte, aus der Haft entlassen. Sie schwor dem politischen Aktivismus ab. Hätte sie gewusst, welche Folgen ihre Nachrichten haben würden, hätte sie es nicht getan, erklärte sie unter Tränen vor laufenden Kameras.

EGYPT-ECONOMY-STRIKE

Im März 2008 formierte sich die Jugendbewegung 6. April und rief für diesen Tag zu landesweiten Protesten auf - zeitgleich mit Streiks in der nordägyptischen Industriestadt Mahalla al-Kubra. Die Polizei ging mit aller Härte gegen Demonstranten und Dissidenten vor. 

(Foto: AFP)

Die Dissidentenszene reagierte empört auf Fattahs Rückzug. Missbilligend wird sie seitdem nur noch das "Facebook-Mädchen" genannt. Ihr früherer Mitstreiter Ahmed Maher übernahm die Koordination der Gruppe. Zweimal wurde der 29-Jährige noch 2008 verhaftet und gefoltert, musste mehrfach untertauchen.

Zu Gesprächen in Washington

Doch die Jugendbewegung 6. April war im Netz - und in der Welt. Längst hat sie jede Naivität abgelegt und wirkt verstärkend bei den aktuellen Protesten in Ägypten. "Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären, so dass sie wissen, wie sie ihre Handschellen aufbrechen und ihre Fußfesseln lösen können", sagte Mitgründer Maher im Mai 2008 der Washington Post.

Die Reformideen der Bewegung 6. April kannte von Beginn an auch das US-Außenministerium. Das enthüllt eine diplomatische Depesche der amerikanischen Botschaft in Kairo, die auf der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht und von der britischen Zeitung The Telegraph ausgegraben wurde. Demzufolge wurde ein Aktivist, namentlich nicht genannt, der Gruppe 6. April Ende 2008 in die Vereinigten Staaten zu einer Konferenz junger Aktivisten eingeladen, sprach dort mit Regierungsvertretern und Think Tanks. Auch nach seiner Rückkehr soll der junge Dissident in engem Kontakt mit den US-amerikanischen Behörden geblieben sein.

Der Depesche zufolge sprach der Aktivist davon, dass sich mehrere Oppositionsgruppen zusammengeschlossen hatten und einen "Plan für einen Übergang zu einer parlamentarischer Demokratie" unterstützten. Das Oppositionsbündnis plane den Regimewechsel noch vor den Präsidentschaftswahlen 2011. Die US-Botschafterin in Kairo bezeichnete den Erfolg dieser Pläne in ihrem Bericht als "äußerst unwahrscheinlich."

Zwei Jahre später scheint für die Aktivisten des 6. April in Ägypten alles wieder möglich.

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