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Kriminalität:Viel mehr Gewalt gegen Kinder

Vor allem Fälle von Kinderpornografie nehmen stark zu. Missbrauchsbeauftragter Rörig spricht von "Überflutung" des Internets.

Von Jan Bielicki, München

Noch einmal deutlich mehr Kinder als im Jahr zuvor sind nach Zahlen des Bundeskriminalamts 2020 Opfer von Gewalttaten geworden. Allein 152 durch Gewalt zu Tode gekommene Kinder waren demnach im vergangenen Jahr ein Fall für die Polizei, 79 von ihnen wurden den Ermittlungen zufolge vorsätzlich umgebracht. Für 115 fand ihr junges Leben noch vor dem sechsten Geburtstag ein gewaltsames Ende. Und das ist nur ein Teil einer Bilanz zur Gewalt gegen Kinder, die BKA-Präsident Holger Münch am Mittwoch gemeinsam mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, vorstellte.

Auch bei nicht tödlichen Gewaltdelikten gegen Kinder verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 so hohe Opferzahlen wie seit vielen Jahren nicht mehr. 16 921 Kinder unter 14 Jahren wurden demnach sexuell missbraucht, fast 1000 mehr als ein Jahr und gar gut 3000 mehr als drei Jahre zuvor. 4497 Kinder wurden den Polizeiakten zufolge ohne sexuelles Motiv misshandelt, das waren fast elf Prozent mehr als noch 2019.

Diese Zahlen scheinen die Befürchtung zu bestätigen, die Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie könnten zu mehr Gewalt gerade gegen Kinder geführt haben. Doch sie taugen allenfalls als Indiz. Münch selbst unterstrich, sein BKA sei "nicht in der Lage", einen direkten Zusammenhang zwischen den Deliktzahlen und der Pandemie herzustellen. Schon in den Vorjahren - also vor Corona - waren die Missbrauchszahlen bereits in ähnlichem Ausmaß gewachsen. Vor allem aber umfassen sie nur das sogenannte Hellfeld jener Taten, die der Polizei bekannt wurden.

"Das Dunkelfeld ist sehr, sehr groß", sagte Münch. Er äußerte die Befürchtung, dass die Schließung von Schulen und Kitas sowie die auch sonst heruntergefahrenen Kontaktmöglichkeiten es betroffenen Kindern nur eingeschränkt erlaubt hätten, auf Gewalterfahrungen aufmerksam zu machen - und umgekehrt Lehrer und andere Außenstehende weniger Gelegenheit gehabt hätten, Alarmzeichen zu entdecken. Auch die Zunahme sonstiger häuslicher Gewalt deute darauf hin, dass Stress und Isolation im Corona-Lockdown zu mehr Übergriffen gegen Kinder geführt haben könnten.

Unbeschreiblicher Schmerz, Ohnmacht, Ekel und Angst

Die Zahlen der Polizei zeigten nur "einen kleinen Ausschnitt der unerträglichen Realität", sagte der Missbrauchsbeauftragte Rörig. Sie bedeuteten zehntausendfaches Leid, unbeschreiblichen Schmerz, Ohnmacht, Ekel und Angst. Rörig verwies insbesondere auf den dramatischen Anstieg von Darstellungen sexueller Gewalt gegen Kinder im Internet. 18 761 solcher Fälle, in denen Täter sogenannte Kinderpornografie hergestellt, verbreitet oder besessen hatten, ermittelte die Polizei 2020. Das ist ein Anstieg von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr und eine Verdreifachung der Fallzahlen in nur vier Jahren.

Als Hauptgrund dafür nannte Münch die enorm gestiegene Zahl der Hinweise, die sein BKA vom US-amerikanischen Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder erhält. Dieser halbstaatlichen Stelle müssen auch Netzbetreiber melden, wenn ihnen Kinderpornografie unterkommt. In Deutschland wird es ähnliche Meldepflichten vom kommenden Jahr an geben. Münch rechnet daher damit, dass die Polizei künftig auf noch mehr Kinderpornografie im Internet stoßen wird.

Schon jetzt allerdings sieht Rörig Polizei und Justiz angesichts einer "Überflutung" des Netzes mit kinderpornografischen Bildern und Videos überfordert. "Wir haben einen Kipppunkt erreicht", sagte er. "Wir müssen verhindern, dass das System kollabiert." Es dürfe nicht sein, dass Hunderte Durchsuchungsbeschlüsse nicht zeitnah vollstreckt und beschlagnahmte Computer zu Tausenden in Asservatenkammern schlummern würden, ohne ausgewertet zu werden. Er forderte, eine "schlagkräftige Cyberpolizei" aufzubauen und "das Verhältnis zwischen Datenschutz und Kinderschutz neu auszubalancieren". Bei den Parteien müsse der Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Netz "zur Chefsache gemacht werden", sagte Rörig und forderte den Bundestag auf, nach der Wahl im September dazu eine "starke Enquete-Kommission" einzurichten.

"Hinter jedem einzelnen Fall steht das Schicksal eines Kindes, das ein Leben lang unter dieser Tat zu leiden hat", sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Die Bundesregierung handele "mit aller Kraft, um Kinder davor zu schützen". Sie verwies auf neue Gesetzesregeln, die im Juli in Kraft treten und nach denen künftig gilt: Wer Kinder sexuell misshandelt, Fotos und Bilder davon macht, verbreitet oder besitzt, soll grundsätzlich als Verbrecher bestraft werden - und damit eine Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis fürchten müssen. Lambrecht kündigte außerdem an, noch vor der Sommerpause den Entwurf eines Gesetzes vorzulegen, das das Betreiben einer Internet-Plattform, auf der mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern Geld gemacht wird, unter Strafe stellt.

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