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Kriminalität:Stich und weg

In Brandenburg haben es Diebe auf Bienen abgesehen.

Als Silvio Ueberschär in der vergangenen Woche einen Anruf von seinem Bruder bekam, klang der irritiert. "Mensch Silvio, wo hast du denn die Bienen hingestellt?", fragte er. Der Imker war auf seinem Routinegang im Waldstück bei Rathenow in Brandenburg, um die Bienenkästen zu überprüfen. "Doch die waren nicht mehr da", erzählt Silvio Ueberschär, "keine Bienen, keine Kästen, nichts." 16 Völker, insgesamt an die 160 000 der Flugtiere, waren den Brüdern der Imkerei Honigprinz entwendet worden. "Wer macht denn so was?", fragt sich Silvio Ueberschär seitdem. "Wir haben doch nie im Leben daran gedacht, dass jemand Bienenvölker stiehlt."

Der Fall klingt tatsächlich obskur, doch besonders in Brandenburg kommen in der letzten Zeit regelmäßig Bienen mitsamt ihrer Behausung abhanden. So wurden im vergangenen Frühjahr und Sommer im Märkisch-Oderland 30 Völker gestohlen, in Neuruppin waren es ein paar Wochen später zwar nur 25. Dafür nahmen die Diebe in den Stöcken gleich noch fast eine Tonne Honig mit. Der Sachschaden: rund 25 000 Euro. Im Vergleich zum kanadischen Quebec ist das noch wenig, dort verschwanden gleich 180 Kolonien, in Kalifornien wurden vor ein paar Jahren gar mehr als 1700 Bienenvölker geklaut.

In den USA und Kanada sind die Gründe dafür recht offensichtlich: Die Landwirtschaft dort ist besonders intensiv, das Artensterben massiv. Deshalb fahren einige Imker im Frühjahr Tausende Kilometer übers Land und vermieten ihre Bienen zum Bestäuben - ein lukratives Geschäft. Auch in Deutschland ist die Biene wegen ihrer Befruchtungsleistung nach dem Rind und dem Schwein das drittwichtigste Nutztier. Doch noch existieren genug von ihnen in freier Natur, sodass beim Bestäuben nicht flächendeckend künstlich nachgeholfen werden muss. Umso rätselhafter sind daher die Diebstähle.

Am Tatort der Brüder Ueberschär deuten Reifen- und Fußspuren auf eine gut geplante Aktion hin. Auch im Fall der 25 gestohlenen Völker bei Neuruppin geht die Polizei von "wissenden Tätern" aus. Vor allem sollte ein Dieb wissen, wo und wie der Bienenstock so verschlossen werden kann, dass die Tiere ihn nicht attackieren oder beim Transport verloren gehen.

Manfred Hederer war 20 Jahre Präsident des Deutschen Berufsverbands der Imker. Er ist sich ziemlich sicher, dass es andere Imker sind, die durch den Diebstahl den eigenen Bienenbestand aufstocken wollen. "Gerade im Frühjahr, weil im Winter ja immer einige Völker wegsterben." 150 bis 200 Euro kostet eine Kolonie, im Sommer bringt es je nach Standort 30 bis 40 Kilo Honig. Bienen lassen sich jedoch nicht markieren, andere Sicherheitsvorkehrungen sind teuer und helfen nur bedingt. So stattet mancher Imker seine Stöcke inzwischen mit GPS-Sendern aus, was professionelle Diebe aber meist wissen. "Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, dann müssen Sie die Kästen eingittern", meint Hederer.

Oder aber die Bienen werden selbst zum Schutz. Einem Honigdieb am Stadtrand von Berlin zerbrachen jedenfalls kürzlich einige der Stöcke. Daraufhin ließ er alle Bienenkästen liegen und verließ den Tatort fluchtartig. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass er heftig zerstochen wurde.

© SZ vom 12.03.2020
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